Freitag, 26. Februar 2021

Das trauernde Reh und die Geschichte von Weißpfot

Berührende Geschichten in denen Tiere zu Freunden von Menschen wurden gibt es viele, wie diese aus unserem Bezirk Kirchdorf. Die Sympathie und Liebe, die Tiere von uns Menschen bekommen, geben sie wieder zurück.
Der Artikel vom Reh war in der Oberdonau-Zeitung am 15. April 1943 zu lesen.



Vor einem Jahr hatten Bauern aus einem Dorf unweit Pettenbach bei der Heumahd ein junges Reh aufgefunden, das ganz hilflos war und sicher eingegangen wäre, wenn es die Bäuerin nicht mit nach Hause genommen und mit der Saugflasche aufgezogen hätte. Längere Zeit lebte das Tier völlig zahm am Hof, bis es eines schönen Tages im Wald verschwand.

Vor kurzem starb nun die Bäuerin plötzlich an einem Herzleiden. Als sich am Begräbnistag der Leichenzug gegen Pettenbach zu bewegte, bemerkten die Hinterbliebenen und Trauergäste, wie dem Zug in angemessener Entfernung unbeirrt ein Reh folgte, welches durch ein sicheres Merkmal gekennzeichnet, als Jenes erkannt wurde, das von der Verstorbenen so mühselig aufgezogen worden war.

Weißpfot

Am Ortsrand von Hinterstoder, auf dem Weg zum Öttl, kommt man am Stögerbach vorbei. Das ist das Revier von einem fast gänzlich schwarzen Kater, der nur weiß an der Brust und an den Pfoten ist. Er ist ein wilder, lebenserfahrener Streuner, der irgendwann einmal im Prielergut aufgetaucht ist und von dort aus seine ausgedehnten Wanderungen durch Hinterstoder begonnen hat. Sein Rayon liegt an einem Schießplatz und nicht einmal vor dem zeitweilig höllischen Lärm ließ er sich schrecken.

Dort wo er gut behandelt wird und Freunde gefunden hat, bleibt er einige Tage  oder auch Wochen. Aber es lockt ihn immer wieder das Abenteuer oder vielleicht nur die vielen Katzendamen im Ort. Er hat unzählige Kinder gezeugt und wird deshalb  von einigen Stöderern als „Platzhirsch" bezeichnet. Manche Katzendamenbesitzer wollen ihn deshalb nicht und werfen ihm Steine nach um ihn zu verjagen.

Seinen eigentlichen Namen hat er aber seiner vier weißen Pfoten wegen bekommen: „Weißpfot“. Auch die Katzendame Lilli hat sich mit Weißpfot angefreundet, allerdings nur auf Distanz. Wenn er in der Früh zu seiner Futterschüssel kommt und Lilli sieht, laufen beide Katzen aufeinander zu, berühren sich mit ihren Nasen, was wahrscheinlich soviel wie ein Katzenbussi ist. Dann aber läuft Lilli sofort weg. Sie ist sterilisiert und fürchtet offensichtlich die heftigen Liebesbezeugungen. Wenn Weißpfot ihr dann trotzdem zu nahe kommt, pfaucht sie ihn ganz gehörig an.

Gleich am Stögerbach ist ein altes Häuschen, das an Gäste vermietet wird. Kürzlich mietete eine Familie mit Kindern dieses Haus. Als die Kinder Weißpfot entdeckten, kümmerten sie sich liebevoll um ihn. Sein ganzes Leben wurde er nie soviel gestreichelt, liebkost und mit Leckerbissen gefüttert. Wahrscheinlich spürte er zum ersten Mal das beglückende Gefühl nicht mehr Streuner und Vagabund zu sein, sondern eine Familie zu haben und dazu zu gehören.

Die Kinder verließen nach dem Urlaub mit ihren Eltern das Haus und Weißpfot wartete viele, viele Tage und Nächte lang vor der Eingangstüre auf seine Familie.

Weißpfot wurde von einem Auto überfahren. Einige die ihn besser kannten trauerten sehr.


Freitag, 19. Februar 2021

Von sieben Generationen der Familie Schwanthaler und Zigarren im Brunnen

Die Familie Schwanthaler war eine Bildhauerfamilie der Barock- und Rokoko-Zeit im 17.– 19. Jahrhundert in Oberösterreich. In vielen Kirchen und Kapellen in unserem Bezirk Kirchdorf kann man Werke von dieser Familie bewundern. Die Oberdonau-Zeitung berichtete am 28.11.1943 in einem Artikel über diese Künstlerfamilie. Die Geschichte wurde etwas gekürzt und der heutigen Schreibweise angepasst.  


Hans Schwa(be)nthaler begründete 1632 in Ried eine Bildhauerwerkstätte, die bis 1838 bestand. Über zwei Jahrhunderte war dann die Familie Schwanthaler in Ried ansässig und künstlerisch tätig. Zu den Hauptmeistern der Rieder Werkstätte zählen Thomas, Johann Franz und Johann Peter der Ältere. Ein Zweig der Bildhauerfamilie war auch in München tätig.
Die Schwanthaler haben nicht immer im Innviertel gelebt, sie dürften zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges aus Süddeutschland, wahrscheinlich aus Schwaben, eingewandert sein. 1633 wird ein Hans Schwabenthaler, so hießen die Schwanthaler früher, bereits als ein „Bildschnitzer" im Hochzeitsbuch des Marktes Ried erwähnt. Ruf und Ruhm der Bildhauerfamilie schuf erst sein Sohn Thomas. Er wird in zeitgenössischen Schriftstücken stets als Schwanthaler angeführt.

Dieser Thomas Schwanthaler hat im Alter von 22 Jahren die Werkstätte des Vaters übernommen. Er hat Werke geschaffen, die als wahre Kunst anzusehen sind, wie den Floriani-Altar der Pfarrkirche in Ried oder den Hochaltar der Kirche in Gmunden. Sein Hauptwerk, der meisterliche Barockaltar in der Kirche von St. Wolfgang, wird leider, im Gegensatz zu dem Flügelaltar Michael Pachers, bei Besuchern der Kirche nicht viel beachtet. "Unser Bildhauer hat sein Bestes an ihn gewandt, seine ungebrochene bäuerliche Kraft, die vor allem seinen Figuren innewohnt". Thomas Schwanthaler ist am 13. Februar 1707 im 73. Lebensjahr in Ried gestorben. Die Söhne Bonaventura, Josef und Franz haben den Beruf des Vaters ausgeübt.
Bonaventura dürfte der Begründer des Gmundner Zweiges der Familie Schwanthaler sein. Sein Interesse gehörte dem Kriegshandwerk. Von seinen Brüdern war Franz der Bedeutendere. Josef scheint weniger tüchtig gewesen zu sein. Bezeichnend dafür ist seine Tätigkeit als Nachtwächter des Marktes Ried. Doch sind die Arbeiten des Franz Schwanthaler verschollen und wir haben nur durch Rechnungen von ihnen erfahren. Von seinem Sohn Johann Peter hingegen sind mehrere Holzfiguren, Kreuzigungsgruppen, ein Vesperbild in der Pfarrkirche in Mehrnbach und verschiedene Kruzifixe der Vernichtung entgangen. Künstlerisch höherstehend ist jedoch der Sohn Bonaventuras, Hans Georg, der in Gmunden gelebt hat. Das Landesmuseum in Linz und das Stift Kremsmünster besitzen Schnitzwerke aus seiner Hand, die die Kraft von Thomas, seinem Großvater, spüren lassen.
Vier Generationen der Schwanthaler sind uns bereits begegnet. Ein Zweig der Familie ist nach Gmunden verzogen. Gut drei Jahre nach dem Tod des Johann Peter Schwanthaler, am 31. Dezember 1798, übernahm sein Sohn gleichen Namens die Werkstätte in Ried. Dieser, Johann Peter der Jüngere, ist insofern bedeutsam, weil sein Sohn Franz, ebenfalls Bildhauer, der seine Lehrjahre bei Johann Georg Schwanthaler in Gmunden verbrachte, in München mit seinen Arbeiten großes Ansehen erlangte.
Seinem Sohn blühte dann Weltruhm. Dieser ist Ludwig Schwanthaler, der 1802 zu München geboren (gest.1848) wurde und die höchsten Ehren erfuhr, deren ein Künstler seiner Zeit teilhaftig werden konnte. Unzählige Werke künden heute von Ludwig Schwanthaler. Er hat das 54 Fuß (16m) hohe Erzbild der Bavaria, das Wahrzeichen Münchens über der Oktoberwiese, geschaffen und von ihm stammen auch, um nur einige seiner Werke zu nennen, die im Dom zu Speyer aufgestellte Marmorstatue des Kaisers Rudolf von Habsburg, die beiden Giebelgruppen auf der Walhalla zu Regensburg, das Goethe-Denkmal in Frankfurt, die Gestalten der Heerführer Tilly und Wrede in der Feldhernhalle in München, das Mozart-Denkmal in Salzburg und der Austria-Brunnen auf der Freyung in Wien. Daß ihm noch eine gewisse Bauernschlauheit eigen war, geht aus der Überlieferung hervor, daß die Bronzefiguren zum Austria-Brunnen dem Künstler gerade gut genug waren, sie für einen Zigarrenschmuggel zu nützen. 
Ludwig Schwanthaler ist auch als Professor an der neugegründeten Akademie der Künste in München tätig gewesen und von König Ludwig I. von Bayern in den Adelsstand erhoben worden. Er erreichte aber kein hohes Alter und starb schon am 14. November 1848 mit 46 Jahren.                                   Karl  H. Watzinger                                                                                                                   
Ein Denkmal als Zigarrentresor.
In Wien gibt es ein Denkmal, das entgegen der in Denkmalkreisen herrschenden Gepflogenheit, nicht etwa mit Gips oder Mörtel ausgegossen, sondern mit allerfeinsten Havannazigarren gefüllt ist. Es ist dies der Austria-Brunnen auf der Freyung und mit der Tabakfüllung hat es folgende Bewandtnis:
Ludwig von Schwanthaler, der Münchner Bildhauer, der die Brunnenfiguren schuf  - Zeitungsartikel von 1943 - , war ein leidenschaftlicher Raucher und da um jene Zeit in Bayern Zigarren recht billig zu haben waren, während in Österreich  Importe auf Grund der Monopolgesetze eine fast unerschwingliche Kostbarkeit darstellten, gedachte er, um während seines Wiener Aufenthaltes versorgt zu sein und darüber hinaus auch seine dortigen Freunde bedenken zu können, den österreichischen Zollbehörden ein Schnippchen zu schlagen.
Und so füllte er die Statuen, ehe er sie an den Postamenten mit Metallplatten verschloss und sorgsam verlötete, über und über mit Zigarrenkistchen. Dann stieg er befriedigt schmunzelnd in die Postkutsche, indes die Statuen auf einem Donaudampfer die Reise nach Wien antraten.
Unterwegs erkrankte jedoch Schwanthaler, und als er wiederum soweit hergestellt war, da . . ., ja, da hatte man die Statuen bereits montiert und den Brunnen im Beisein Kaiser Ferdinands feierlich enthüllt.                                 Ernst  Machek.                                                              
                                                                                                                    
Ludwig Schwanthaler,
 gezeichnet von Eduard Magnus 
                                                                                
Freyung mit Austriabrunnen 1847


Gmunden Stadtpfarrkirche Altar

München Bavaria 

Die Bavaria vor der Montage


Freitag, 12. Februar 2021

Die Schüssel für den Ahnl.

Die Oberdonau Zeitung vom 6. 2. 1943 berichtet in einer Geschichte von Anton Stieger über ein Gespräch zwischen Vater und Sohn. Der Artikel wurde etwas gekürzt und unserer Zeit angepasst.

Der Bauer Hochmann saß auf der Schnitzbank, einen Holzblock zwischen den Knien und das Reifmesser in der Hand. Feierabend war. Die Sonne nahm schon das glühende Rot des nahenden Untergangs an. Die Hühner saßen schläfrig auf den Steigen und im Stall schwabberten die Kühe an der Futtertränke. Treff, der Hofhund, blinzelte träge zu seinem Herrn empor und leckte mit feuchter Zunge seine schwarzen Pfoten. Hochmann tat gern einiges über den Feierabend hinaus. Die Ruhe war dann kürzer, aber vollkommener. Die Späne spritzten nach allen Seiten.
Der Bauer prüfte den Holzblock, drehte ihn und nahm ihn von neuem zwischen die Knie. Und wieder flitzte das Messer und spritzten die Späne. Da kam Michel sein Jüngster, der ihm darum so ans Herz gewachsen war, weil er in allem und jedem seinem Vater glich. Bauer Hochmann war stolz auf seinen Buben und er wusste, dass der den Hof später richtig weiter verwalten würde.
„Du bist noch fleißig, Vater?"
„Ja, Bub, das muss man wohl!“
„Kann ich dir helfen, Vater?"
„Ich werde bald fertig sein. Bei dieser Arbeit braucht es wohl keine besondere Genauigkeit."
„Was schnitzt du denn?“
„Eine Holzschüssel soll das werden für den Ahnl (Großvater). Du weißt ja, dass der Ahnl schwach und zittrig ist und nichts mehr fest anpacken kann. Das tönerne Geschirr taugt nicht mehr für ihn, gestern erst wieder hat er zwei Teller zerbrochen. "Das kommt teuer, Bub, weißt du, man muss sparen.“
Wieder flitzte das Reifmesser und die Späne spritzten. Michel stand ruhig daneben und sah nachdenklich auf die Hände des Vaters. Ruhig und ohne Aufmucken stand er da, immer auf jede Bewegung des Bauern achtend. Der merkte erst nichts, dann begann er die Blicke des Buben zu spüren. Ein Anflug von Unruhe überkam ihn. Er mahnte den Jungen, ob er im Hof schon alle Arbeit gemacht und ob er nichts Besseres zu tun hätte, als hier herumzustehen und ihn immerfort mit großen Augen anzustarren und auf jeden seiner Griffe zu achten.
„Die Arbeit im Hof ist getan“, gab ihm Michel zur Antwort.
„Aber auch dieses Zusehen wird seinen Nutzen haben. Denn, Vater, auch du wirst ja einmal alt und der Ahnl auf dem Hof sein. Und dann bist du auch zittrig und kannst die Teller nimmer halten. Ist es dann nicht von Vorteil, wenn ich Bescheid weiß und dir so eine grobe Holzschüssel zurecht machen kann?“
Da wurde dem Bauern Hochmann ganz seltsam ums Herz. Er nahm den unförmigen Holzstock in die Hände, besah ihn von vorne und von hinten, stellte ihn vor sich auf die Schnitzbank, schüttelte den Kopf und meinte dann: 

„Nein, Bub, die Schüssel brauchen wir nimmer. Aber hole drüben vom Stoß die besten Eichenbretter! Wir wollen für den Ahnl einen Lehnstuhl machen und einen Schemel dazu!“


Freitag, 5. Februar 2021

Hinter dem Rücken

Solche "Jagderlebnisse" gibt es öfter als man glaubt. Herr Swoboda von der Oberdonau-Zeitung berichtete darüber in seiner Zeitung am 21.4.1944. Die Geschichte wurde geringfügig geändert. Diese Begebenheit ereignete sich in dem weltberühmten Sommer- und Winteraufenthaltsort H. wie ein gut informierter Waidmann einmal am Stammtisch erzählte.

In unregelmäßigem Zick-Zack und Schlangenlinien stapfte der Förster seinem trauten Heim zu, rülpste und fluchte über die verfluchte Kälte, den miserabligen Schnee und das elendige Eis.
Die Rundreise durch die Gasthäuser von H. schien ihm nicht bekommen zu sein, denn erst nach einer guten Viertelstunde kam er glücklich zu seinem nahe gelegenen Haus. An der Haustür zog er mit viel Mühe die Schuhe aus und marschierte dann vorsichtig in sein Schlafzimmer. Und siehe da, das Erhoffte, aber Unwahrscheinliche trat ein: Sein Eheweib schlief den Schlaf des Gerechten. So schob er denn behutsam die Schuhe unters Bett und ging daran, sich auszukleiden. Alles verlief programmgemäß, bis unversehens die silberne Tabakdose zu Boden fiel und die Frau Försterin unsanft aus ihren Träumen riss.

Entsetzt hielt der stille Zecher den Atem an. Gähnend, aber drohend klang die Stimme seiner Frau Gemahlin: „Was ist denn mit dir schon wieder los?" Zögernd stieß er hervor: „Es ist Zeit, dass ich zum Anstand gehe.“ Entsetzt fuhr seine Frau auf: „Bist du verrückt, Josef? Bei dem Wetter, in aller Herrgottsfrüh, wo’s noch nachtschwarz ist, auf dem Hochstand! Denk doch an deine Gicht!"
Nach einer Sekunde überraschten Schweigens sagte der Jäger harmlos und friedfertig: „Hast eigentlich recht, Mitzi. Ich werd’ mich wieder niederlegen.“...  Und dann zog er sich weiter aus.


Freitag, 29. Januar 2021

Steinzeitmenschen hausten auch schon im Toten Gebirge.

Die Oberdonau Zeitung vom 31.3.1943 berichtete in einem Artikel von Andreas Hernberger über das Leben unserer Vorfahren in der Steinzeit auf 2000m Seehöhe im Toten Gebirge. Siebzehn Jahre forschte Schulrat Otto Körber in den Höhlen des "Salzofens". Der Artikel wurde etwas gekürzt und unserer Zeit angepasst.

Für seine Urahnen hat der Mensch der Gegenwart (1943) viel Interesse übrig. Er forscht den einstigen Wohnstätten nach, setzt sich aus den Funden, die er machte, ein Bild des damaligen Lebens zusammen und kommt dabei zu der Erkenntnis, dass es den Urahnen keineswegs immer gut gegangen ist.
Sie haben, wie es scheint, nur in den verhältnismäßig kurzen Zwischenperioden der Eiszeiten halbwegs erträgliche Lebensbedingungen vorgefunden und sich vor allem von der Jagd ernähren müssen, zu der sie sich die Waffen selbst anfertigten. Waffen aus Stein, aus Knochen und erst viel, viel später aus Erz.

Aus der Steinzeit wissen wir nun schon ziemlich viel. Ausgrabungen und vor allem die Höhlenforschung haben uns Material geliefert, so dass wir uns ein Bild von den Bedingungen machen können, unter denen die Menschen damals gelebt haben. Wir in Oberösterreich denken, wenn wir von den Bewohnern unseres Landes in der Steinzeit hören immer zuerst an die Pfahlbauten, die an den Gestaden der Salzkammergutseen angelegt waren.

Die Menschen der Steinzeit hierzulande blieben aber nicht nur in den Niederungen sondern gingen hinauf in die Berge, bis zu Höhen in denen heute geschlossene Siedlungen nicht mehr anzutreffen sind. Im Toten Gebirge, zu dem auch die höchste Erhebung unseres Landes, der Große Priel, gehört, trägt ein über 2000 m hoher, festungsartiger Bergkegel den Namen „Salzofen“. Otto Körber aus
Bad Aussee hat die im Innern dieses Berges vorhandenen Höhlen seit 17 Jahren durchforscht und ist zu sehr interessanten Feststellungen gekommen nämlich, dass in ihnen Menschen der Steinzeit wohnten. Der Eingang zu den Höhlen ist durch einen Zufall von zwei Jägern namens Ferdinand Schraml und Franz Köberl vor 17 Jahren (1926) entdeckt worden und von diesem Zeitpunkt an hat Otto Körber seine Forschungen aufgenommen.
Die „Haustür“ zu der Siedlung befindet sich in einer Höhe von 2008 m über dem Meeresspiegel — sie dürfte ursprünglich sehr eng gewesen sein, hat sich aber im Laufe der Jahrtausende durch Verwitterung erweitert und ist jedenfalls jetzt ganz leicht passierbar. Anders freilich sieht es im Innern des Berges aus, wo die einzelnen „Räume" nur dadurch erreicht werden konnten, wenn man sich auf dem Bauch fortbewegte.
Hier also hat der diluviale (eiszeitliche) Mensch gewohnt, hier hatte er seine Werkstätte — es ist eine Reihe von Arbeitstischen einwandfrei festgestellt worden — hier lebte er mit seiner Familie, hier kochte er seine Fleischnahrung. Feuer hat er schon gekannt, wie aus den Funden hervorgeht, aber für besonderen „Komfort" war freilich nicht gesorgt. Die einzelnen „Zimmer“ sind so belassen, wie sie aus der Hand der Schöpfung hervorgegangen sind.
Was aß der Mensch von damals? -  Das, was ihm die Jagd lieferte. Es muss in jenen Zeiten viel Wild in der Gegend des Toten Gebirges gegeben haben. Festgestellt durch die aufgefundenen Skelette sind: Braunbären und Höhlenbären, Höhlenwölfe, Höhlenlöwen und kleineres jagdbares Getier — auf der Jagd dürfte ja auch der Steinzeitmensch die Höhlen innerhalb des Bergkegels entdeckt haben. Diesen Tieren stellte er mit Beilen nach, die er sich aus Hornstein anfertigte, also aus einem dichten, ziemlich widerstandsfähigen Quarz. Die Bearbeitung dieses Steines, der aber in den Höhlen selbst nicht gefunden wurde, war die eigentliche Tätigkeit der diluvialen Menschen aus dem Miozän (vor 23 bis 5 Millionen Jahren). Dazu hat er seine „Arbeitstische" — große Steine mit einer einigermaßen glatten Oberfläche — in eine größere Höhle gewälzt und da dürften nun diese Steinzeitmenschen beisammen gehockt sein, um das notwendige Jagdgerät zu bearbeiten. Hier waren sie wohl vor der Witterung geschützt, aber Wärme war sicher etwas sehr Rares, denn es war bestimmt nicht leicht, genügend Holz in die Höhlen zu bringen. Vielleicht war das auch die Arbeit der Frauen. Die Männer hatten Werkzeug zur Bearbeitung des Hornsteines, sie hatten allerhand Schabesteine zurechtgemacht — auch aus Muscheln, die man in den Höhlen häufig noch findet. Sie besaßen Messer, Bohrer und ähnliches, wenn auch in einer ziemlich primitiven Form. Es ist von besonderem Interesse, all das in diesen Höhlen festgestellte zu sehen, wie allmählich die reine Zweckarbeit am Werkzeug künstlerische Formen annahm, wie dieser hart bedrängte Mensch doch Zeit dazu fand, seinen Hämmern, Beilen, Äxten hübsche Verzierungen zu geben und so etwas wie eine fortschreitende Kultur zu schaffen. Ein kürzlich in Wien gehaltener Vortrag, mit unter schwierigsten Bedingungen aufgenommenen Lichtbildern, gab ein ungemein fesselndes und anschauliches Bild dieser Höhlen sowie des vorgeschichtlichen Lebens in ihnen. Es ist ein merkwürdiges Gefühl zu denken, dass vor ungezählten Jahrtausenden hier im Berginneren Menschen wohnten, Menschen, die ein Gefühl hatten, eine Sprache besaßen und sich auch durch Pfeifsignale, Pfeifen aus Röhrenknochen von kleineren Tieren, miteinander verständigen konnten.                                          

Schulrat Otto Körber in der Höhle

Der Elmsee im Toten Gebirge. Auf dem Weg von dort zu den
 Lahngangseen erhebt sich der "Salzofen" mit seinen steinzeitlichen
 Höhlenwohnungen.

Der "Salzofen" im Toten Gebirge in dessen Höhlen vor
tausenden von Jahren Steinzeitmenschen wohnten.  




Freitag, 22. Januar 2021

Heimischer Bergwald im Schnee

In der Oberdonau Zeitung vom 3. 2. 1943 berichtet Heinz Scheibenpflug vom heimischer Bergwald im Schnee.  Der Artikel wurde etwas gekürzt und unserer Zeit angepasst.

Gleißend und glitzernd liegt der feinkörnige Schnee im Bergwald.  Er hat die Mulden und Hochkare ausgefüllt und schimmert von den Bändern der Felskare herab. Die Zirben, die ganz weit drinnen im Kar stehen, haben eine große Schneehaube bekommen und auch die schlanken und hohen Fichten, sind ganz weiß verbrämt. Der Bergwald hat sein Winterkleid angelegt und was in ihm lebt, hat sich auf die neuen Verhältnisse eingestellt. Was im Sommer grün war und bunt blühte, ist nun im hohen Schnee vergraben und auch für die Tiere unerreichbar, die nach Nahrung suchen.

Droben ziehen die dunklen Dohlen um die Gipfel und schweben über die jähen Felshänge, so wie wir es auch vom Sommer her gewohnt waren, von den Tagen frohen Rastens hoch über den Tälern. Nur wenn ein Wettersturz droht, wenn die Wolken bleigrau und dichtgeballt heraufziehen, dann stoßen sie kreischend und rufend in die Waldtäler hinunter und fliehen vor dem Sturm. Bitterkalt ist es im blauen Schatten der Fichten, die hier im schütteren Bergwald zusammenstehen, und man meint, hier müsse alles Leben sterben, alles öde sein und leer.

Doch bald verraten uns die Spuren im Schnee, dass die Tiere des Bergwaldes auch im Hochwinter unterwegs sind. Die Mäuse ziehen ihr zartes Getrippel durch den glitzernden Schnee und es sieht aus, als ob ein zierliches Perlenkettchen in den Schnee gefallen wäre. Und auch die Hasenspur sehen wir, unverkennbar an den zwei kleinen und den zwei großen Abdrücken — aber breiter und derber ist sie, als unten in den Tälern die Hasenspuren sind. Sie stammen vom Schneehasen, der im Sommer graubraun und jetzt ganz der Landschaft gleich geworden ist, weiß bis auf die Spitzen seiner Ohren. Solange die kleinen Heuhütten droben auf den Almen noch voll sind von duftendem Heu, haben es die Schneehasen ja ganz gut. Wenn die Bauern aber dann dieses Heu zu Tal geführt haben, wenn die hochkufigen Hörnerschlitten in sausender Fahrt zu Tal gefahren sind, dann kommt für die Tiere hier erst die schwerste Zeit. Da haben die Murmeln es freilich besser. Sie haben sich im Oktober schon endgültig und unwiderruflich vergraben und ihre Gänge mit Heu ausgestopft. Erst wenn das Glucksen des Schneewassers sie aus dem Schlaf weckt und schon die weißen und blauen Krokusse auf den Bergwiesen blühen, kommen alle wieder zum Vorschein. Aber die Schneehasen sind nicht allein im winterlichen Hochgebirge. Da sind auch die Schneehühner, die im Sommer ihre Jungen in den Geröllhalden und Schuttfeldern herumführten und die sich nun ebenfalls verfärbt haben, aus einem scheckigen Graubraun in reines Weiß. Ruhelos ziehen sie bei ruhigem Wetter zwischen den tiefverschneiten Latschenbüschen umher und suchen überall nach Futter. Gern ziehen sie hinauf auf die abgewehten Hochflächen wo die Schifahrer mit ihren Bretteln polternd über das blanke Eis fegen und sich manchmal in den gebleichten Grasbüscheln verfangen. Hier hat der Wind den Neuschnee weggefegt und so liegen die Samen der Alpengräser frei und gewähren karge Äsung. Wenn dann wieder das Schneien aus den stahlgrauen Wolken bricht und der Sturm über die Gipfel fegt, dann sitzen die Schneehühner zusammengekauert im Krummholz oder oft zu zweit unter den dichthängenden Ästen einer Fichte und warten das Ende des Schneefalles ab. Auch wenn der Schneefall Tage dauert.

Durch das dunkle, dichte Geäst der Zirben huschen die Tannenhäher und sind mit ihren mächtigen Schnäbeln hinter den reifen, blauschimmernden Zirbenzapfen her, aus denen sie mit viel Eifer und Geschick die fetten Nüsse herausholen. Ihre zackigen Flügel schwingen langsam und bedächtig, wenn sie zum anderen Talhang hinüber segeln. Sie kennen keine Not und ihnen ist der winterliche Bergwald ruhige und sichere Heimat. Lustig und lebendig sind auch die Kreuzschnäbel. In großen Schwärmen streichen sie durch die Bergwälder, ihr munteres Geschwätz ist aus allen Wipfeln zu hören und dazwischen tönt das leise Krächzen der Jungen. Wahrhaftig! Sie haben Junge im Nest, jetzt mitten im Hochwinter! Da mag der Schnee noch so hoch liegen und mag der Sturm noch so sehr durchs Geäst der Wetterfichten pfeifen — die Kreuzschnäbel halten Hochzeit. Wenn auch all die anderen Vögel nach dem Süden gezogen sind oder ihre liebe Not haben, den harten 'Winter zu überstehen. Die rotbraunen Vagabunden aber, die sich den Sommer über weiß Gott wo in Europa herumgetrieben haben, die sind jetzt munter und guter Dinge. Junge zieht man dann auf, wenn man sie am besten ernähren kann, und das kann der Kreuzschnabel eben jetzt im Hochwinter, wenn alle Zweige voll sind mit prallen Fichtenzapfen, aus denen man mit dem überkreuzten Schnabel die Samen so schnell und geschickt herausholen kann wie sonst niemand auf der Welt!

So ist es hier heller Frühling geworden, mitten im Winter und das Leben siegt, auch inmitten von Frost und Schnee! Das ist der Winter im Bergwald. Schon stehen ja unter dem Schnee die Knospen, die sich in den ersten Sonnenstrahlen öffnen werden. Der Schneerosen große weiße Blumensterne sind noch zu Knospen gefaltet und unter dem Schnee zusammengedrückt, aber jederzeit zum Blühen bereit. Die rosenrote Erika arbeitet sich oft schon mitten im Winter durch die weiße Decke und öffnen ihre zarten Krugblütchen. Des Frühlings Vorboten stehen mitten im blanken Eis des Winters und nirgends sind die zwei Jahreszeiten einander so nah wie hier im Bergwald. Da braucht bloß der Föhn über den Felskamm zu kommen und schon in einer einzigen Nacht ist der Winter ausgelöscht und stehen die weißen Krokusse auf den feuchten Hangwiesen.