Freitag, 15. Oktober 2021

Erinnerungen an die Jahre 1943 bis 1947 von Konsulent OSR Peter Grassnigg - Teil 6

Herr Konsulent OSR Peter Grassnigg verbrachte seine frühe Kindheit in Vorderstoder, da sein Vater im 2. Weltkrieg dort Oberlehrer war.

Durch den frühen Bergtod seines Vaters, der 1946, 36 jährig in einem Schneesturm am Priel ums Leben kam, übersiedelte seine Mutter mit ihm und seinem jüngeren Bruder zu den Großeltern nach Steyr.

Herr Grassnigg hat seine Erlebnisse und Jugenderinnerungen aus dem Blickwinkel seiner Kinderaugen in Vorderstoder und Steyr aufgeschrieben. Diese Erzählungen lassen uns die damalige entbehrungsreiche und unsichere Zeit sehr eindrucksvoll nachfühlen.




Zeichnungen von Bürgerschuldirektor und Maler aus Steyr Alois Lebeda. Im Schuljahr 1904/1905 unterrichtete er Adolf Hitler und 1928/1930 Bundespräsident Rudolf Kirchschläger.  

Die Großmutter

Sie war eine seelensgute Haut. Ich kann nur das Beste über sie berichten, unter anderem auch deswegen, weil sie uns in der schwierigen Situation nach dem unerwarteten Tod meines Vaters, selbst erst vor kurzem zum zweiten Mal Witwe geworden, aufnahm und mit versorgte.

Ihre erste Ehe ging sie mit einem Herrn Rauscher ein. Mit diesem hatte sie einen Sohn, den Onkel Sepp, der allerdings in Wiener Neustadt lebte. Zum zweiten Mal verheiratet bekam sie 1909 den Onkel Fritz und 1910 meine Mutter Leopoldine. An ihren Mann, meinen eigentlichen Großvater, der Franz Burgholzer hieß, kann ich mich überhaupt nicht erinnern, obwohl es ein gemeinsames Foto von ihm und mir gibt. Auch auf weitere Daten kann ich nicht zurück greifen. Er starb im August 1946, drei Monate vor meinem Vater, wahrscheinlich an Krebs.

Die Großmutter führte den Haushalt, das heißt sie war für den Verzehr zuständig. Zum Großeinkauf im nahegelegenen Konsum erstellte sie zu Monatsbeginn eine Liste. Auf dieser schrieb sie Öl immer am Schluss mit zwei „ll“ und statt Senf „Senft“.
Unter tags saß sie häufig in einem Ohrensessel neben dem Kachelofen. Ihr Rückzugsgebiet befand sich im hinteren Teil der Wohnung, im sogenannten Kabinett. Um dieses zu erreichen oder zu verlassen, musste sie durch den gemeinsamen Schlafraum von mir und meinem Bruder gehen, dann weiter durch das Wohnzimmer, in dem die Mutter schlief.
Um niemanden während der Dunkelheit in seinem Schlaf zu stören, benützte sie einen irdenen weißen Nachttopf. Den trug sie am Morgen wie eine Kellnerin ins WC. Nach entsprechender Reinigung stellte sie ihn im Kabinett zum Trocknen auf das Fensterbrett. Das verleitete mich einmal dazu, von Mitschülern angestiftet, ein wenig Brausepulver, das wir zur Herstellung schmackhafter Getränke, verdünnt mit Wasser verwendeten, hineinzugeben. Am übernächsten Morgen ging die Großmutter mit einer Harnprobe zum Arzt. Das Ergebnis erfuhren wir nie.

Badefreuden

Die Wohnung der Großmutter verfügte über ein abgetrenntes WC, aber kein Bad. Nur ein Waschbecken und eine Abwasch hatte die Küche vorzuweisen. Benötigtes Warmwasser wurde in Töpfen von unterschiedlicher Größe am Gasherd erhitzt. Wegen der akuten Verbrennungsgefahr durfte ich nichts angreifen oder eigenständig Warmwasser holen. Bei der Morgentoilette gab es ohnehin nur kaltes Wasser.
Die Leibwäsche wechselten wir einmal pro Woche, gebadet wurden mein Bruder und ich alle 14 Tage, meist an einem Samstag.
Die Handlung glich einem Ritual:
Beim Transport der Badewanne vom Dachboden in die Küche durfte, besser gesagt musste, ich mithelfen.
Zu allererst war die Großmutter an der Reihe. Während sie Badefreuden unter Mithilfe der Mutter einschließlich Kopfwäsche genoss, durften wir Kinder das Wohnzimmer nicht verlassen. Erst nach ihrem Rückzug in ihren Schlafraum endete für uns die Warterei. Gemeinsam schöpften mein Bruder und ich das Wasser aus und gossen es in die Abwasch. Dann füllte die Mutter die Wanne für uns aufs Neue.
Ich ärgerte mich immer furchtbar, dass mein Bruder den Vorrang genoss und ich mich in seiner „Hinterlassenschaft“ suhlen musste.
Das größte Augenmerk beim Baden genossen die Füße. Da wir nach dem Krieg in Ermangelung von geeignetem Schuhwerk meist barfuß liefen, bedurfte es oft eines Bimssteines, um sie wieder einigermaßen sauber zu kriegen. Das Wiesengrün erwies sich als besonders hartnäckig, denn die täglich abends durchgeführte Fußwaschung in einem Lavoir erzielte nur in geringem Maße Wirkung.
Nach mir kam es für die Mutter zu einem neuerlichen Wasserwechsel. Dann ging es ab ins Bett, das wir, wie bei der Großmutter zuvor, ebenfalls nicht mehr verlassen durften.
Am nächsten Tag trugen wir die Badewanne wieder auf den Dachboden zurück.

Die Kaffeemaschine

Großmutters besonderer Stolz war ihre Kaffeemaschine aus Porzellan. Sie bestand aus zwei Teilen, dem oberen, in dem die Zubereitung statt fand, und in dem unteren, in dem sich der fertige Kaffee befand, nachdem er ein im oberen Teil fest integriertes Sieb durchflossen hatte. Dieses Gerät, das man als Vorläufer eines späteren Apparates mit Filter bezeichnen könnte, hieß „Karlsbader“. Es gehörte in jeden besseren Haushalt, obwohl in den meisten Fällen mangels echter Kaffeebohnen ein Getränk nur aus Kaffeeersatz damit hergestellt werden konnte.

Die Zubereitung dieses „Kaffees“ erfolgte so: Als Ausgangsprodukt diente eine sechseckige Scheibe von 1,5 cm Dicke von der Fa. Titze bzw. Franck und Kathreiner, die es in schön verpackten, etwa 15 cm langen Stangen, in jedem Lebensmittelgeschäft zu kaufen gab. Beim Zerbröseln der Scheibe mit den Fingern bemerkte man, dass sie auch Feigenbestandteile enthielt, weil man die Kerne sehen konnte. Darüber kamen dann noch frisch mit der Kaffeemühle zu Mehl zerkleinerte geröstete Malzkörner. Diese stammten aus einem Papiersack mit weißen Punkten, der die Aufschrift „Linde“ trug. Auf das Öffnen einer neuen Tüte waren alle Kinder scharf, weil sich zusätzlich zum Inhalt auch kleines Spielzeug in ihr befand. Zum Schluss gab die Großmutter noch eine Prise Salz auf die Mischung, da diese nach ihrer Meinung zur Geschmacksverbesserung beitrug.
Dann erfolgte der Aufguss mit kochendem Wasser, nicht auf einmal, sondern in Raten, damit die Flüssigkeit Gelegenheit bekam, auslaugend zu wirken. Dann war die Brühe mit etwa einem halben Liter Inhalt im unteren Teil fertig. Vom Geschmack kann ich nichts berichten, da das Getränk nur für die Erwachsenen bestimmt war. Mein Bruder und ich bekamen statt dessen eine heiße Milch oder einen Kakao.

Freitag, 8. Oktober 2021

Kindheitserinnerungen von Konsulent OSR Peter Grassnigg - Teil 5

Herr Konsulent OSR Peter Grassnigg verbrachte seine frühe Kindheit in Vorderstoder, da sein Vater im 2. Weltkrieg dort Oberlehrer war.

Durch den frühen Bergtod seines Vaters, der 1946, 36 jährig in einem Schneesturm am Priel ums Leben kam, übersiedelte seine Mutter mit ihm und seinem jüngeren Bruder zu den Großeltern nach Steyr.

Herr Grassnigg hat seine Erlebnisse und Jugenderinnerungen aus dem Blickwinkel seiner Kinderaugen in Vorderstoder und Steyr aufgeschrieben. Diese Erzählungen lassen uns die damalige entbehrungsreiche und unsichere Zeit sehr eindrucksvoll nachfühlen.  

Das Wiedersehen

Nur eine einzige Bergtour, die mein Vater nach seiner Rückkehr aus der englischen Gefangenschaft im Sommer 1946 mit mir unternahm, ist mir bildhaft in Erinnerung geblieben. Sie führte uns von Vorderstoder aus auf die Hutterer Böden, einem Almgebiet, das damals noch frei von jeder touristischen Erschließung, zu Fuß bestiegen werden musste. Der Ausgangspunkt war Hinterstoder.
Als wir uns schon auf dem Rückweg befanden, begegnete uns eine Wandergruppe, aus der plötzlich ein schmächtiger Mann hervortrat und rief: „Fritz, bist Du das wirklich!“ Dann lagen sich mein Vater und der zunächst Unbekannte in den Armen. Mehrmals schupfte der Vater das Leichtgewicht in die Höhe und beide waren außer sich vor Freude. Erst viel später, eigentlich nach Jahren, konnte ich dieses Treffen auf der Alm in seiner ganzen Tragweite nachvollziehen – es betraf den Onkel Lois.
Er war der Halbbruder meines Großvaters, jedoch um 18 Jahre jünger als dieser, geboren 1906 und damit nur vier Jahre älter, als mein Vater. Das Verhältnis Onkel zu Neffe spielte sich daher auf einer annähernd gleichen Generationsebene ab.
Alois war 1934 als Februarkämpfer in Steyr auf abenteuerliche Weise unter Mithilfe meines Vaters über Prag nach Moskau emigriert und machte dort wegen seines Fachwissens und seiner Regimetreue Karriere. Sein um zwei Jahre älterer Bruder Karl folgte ihm später freiwillig in die Sowjetunion, weil dort Arbeitskräfte mit Spezialkenntnissen gute Bedingungen vorfanden. Er geriet jedoch aus nie geklärten Gründen in die Fänge des KGB (Geheimdienst) und verschwand auf Nimmerwiedersehen in einem Gulag. 
1946 kehrte Alois nach 12 Jahren in der Emigration nach Steyr zurück und betätigte sich politisch bei den Kommunisten als Stadtrat für Wohnungsangelegenheiten. 
Zum weiteren Verlauf des Wiedersehens in freier Natur nach langer Trennung fällt mir nichts mehr ein, doch die Bilder, wie mein Vater den Alois in die Höhe schupfte und immer wieder umarmte, werde ich nie vergessen.

Die Lebensgeschichte von Alois ist in dem 1998 erschienenen Buch mit dem Titel „Fluchtspuren“, edition sandkorn, Verlag Franz Steinmaßl, genau beschrieben worden.

Eine Eintragung mit Folgen

Als Ersatz für meinen Vater kam der Volksschullehrer Adolf K. für die Oberstufe (5.- 8. Klasse) an die Schule nach Vorderstoder. Er stammte aus dem Nachbarort Roßleithen, war durch und durch Nationalsozialist, was ihm mangels geeigneter oder williger Personen die Stelle des Ortsgruppenleiters der NSDAP einbrachte. Er gehörte dem Geburtsjahrgang 1909 an, der relativ spät zum Kriegsdienst eingezogen wurde. K. hatte 1939 nichts eiligeres zu tun, als meinen Vater in Abwesenheit als Mitglied des NS-Lehrerbundes eintragen zu lassen. Er füllte die dazugehörige Mitgliedskarte aus und klebte sogar einige Marken hinten darauf. Alles war exakt vorbereitet, nur eines fehlte, die Unterschrift meines Vaters. Natürlich meldete K. seine Werbung an die nächst höhere Stelle weiter, die eine Registrierung vornahm. Genau wie die Nazis einmal waren.

Dieser Umstand wurde meinem Vater beim Wiedereintritt in den Schuldienst im September 1946, der auch mein Schulbeginn war, zum Verhängnis. Plötzlich galt er als Mitglied einer Vorfeldorganisation der NSDAP und damit als belastet. Die Belastung galt zwar wegen seiner Kriegsteilnahme und Unbescholtenheit als gering, bedurfte jedoch einer genaueren Überprüfung durch die Organe der wieder entstandenen Republik im Rahmen der Entnazifizierungs-Gesetzgebung. Das ging damals natürlich nicht von heute auf morgen. Obwohl mein Vater einen Briefverkehr mit der zuständigen Behörde in Linz führte, in dem er seine Mitgliedschaft bei einer NS-Organisation bestritt, war er arbeitslos und durfte, trotzdem er gebraucht worden wäre, nicht unterrichten. Um für den Unterhalt der Familie zu sorgen, arbeitete er bei einem Bauern als Knecht.

Anfang Oktober hatte er die Idee, eine Bergtour ins nahegelegene Tote Gebirge zu machen. Mein letzter bildlicher Eindruck an ihn ist der, wie er auf sein Fahrrad stieg und Richtung Hinterstoder davon fuhr. Eine Wetterwarnung beachtete er nicht. „Es reißt eh auf“, sagte er, womit er ein blaues Loch am verhangenen Himmel meinte. Er kam nie wieder!

Am 6. Oktober gerieten er und seine Begleitung in einen Schneesturm. Beide erfroren. Seine Leiche wurde erst acht Monate später geborgen und im August 1947 am Urnenhain in Steyr beigesetzt.

Weil Vater lange Zeit als vermisst galt und als vom Schuldienst entlassen geführt wurde, erhielt die Mutter keine Bezüge oder Rente. Nicht nur deshalb, auch weil wir in Vorderstoder keine Bleibe mehr hatten, zogen wir nach Steyr und fanden bei der Großmutter mütterlicherseits, deren Mann im August 1946 an Krebs verstorben war, Aufnahme und Unterkunft.

In der Schule

Die ersten drei Wochen meiner Schullaufbahn verbrachte ich noch in der Unterstufe der zweiklassigen Volksschule in Vorderstoder.

Die Menge der vielen im Raum anwesenden Kinder war mir nicht fremd, da ich sozusagen Hausrecht genoss und an Nachmittagen, in denen ich nicht nach außen konnte, noch nicht schulpflichtig, die Klasse als Spielraum benutzen durfte. Durch den Umgang mit den Schülern konnte ich zum Teil schon besser lesen und rechnen als diese.

Als ich im September 1946 in die erste Schulstufe eintrat, saß der Gandiola Hansi neben mir, dessen Sprache ich nur teilweise verstand. Es handelte sich bei ihm um einen Buben aus Südtirol, der mit seiner Familie im Rahmen des Hitler-Mussolini-Paktes die Heimat verließ und in unserer Gebirgsgegend angesiedelt wurde.

Mein erstes Buch, es hieß auch so, hatte schon Vorbesitzer. An den Innenseiten des vorderen und hinteren Deckels prangten in großen Lettern die Buchstaben des Alphabets. Papier zum Schreiben gab es, im Gegensatz zu später in Steyr genug, weil die Krämerin einiges gehortet hatte.

Nach Allerheiligen kam ich an die vierklassige Volksschule für Knaben auf der Promenade in Steyr. Ich musste mich in die letzte Bankreihe setzen, da die vorderen Plätze alle schon besetzt waren. Einige Mitschüler kannte ich schon flüchtig von meinen kurzzeitigen Aufenthalten bei meiner Großmutter mütterlicherseits. Die erste Klasse unterrichtete der Herr Direktor, ein für mich völlig neuer Titel. Er hieß Karl Wipplinger, war damals 53 Jahre alt, ein Herr mit kurzen weißen Haaren und Brille. Er ist mir als gütig und wohlwollend in Erinnerung geblieben.

Während meiner gesamten Ausbildungszeit stammten meine Mitschüler aus drei unterschiedlichen Geburtsjahrgängen. Es waren 38iger und 39iger dabei, die während des Krieges aus den unterschiedlichsten Gründen keinen Unterricht besuchen konnten und diesen jetzt verspätet nachholten. Auch Flüchtlingskinder mit eigenartigen Namen waren dabei. Für Buben gilt Alter ist gleich stärker. Das spielte in der Rangreihe eine Rolle. Gegen die Älteren hatten wir, der reguläre 40iger Jahrgang, nichts zu bestellen.

Nach Absolvierung dieser Schulstufe nahmen mich meine Großeltern, die in der Bahnhofstraße wohnten, für zwei Jahre in Pflege, damit daheim ein Esser weniger am Tisch saß.

Steyr, Gemälde von Alois Lebeda


Waffenfabrik Werndl Gemälde von Alois Lebeda
 

Sonntag, 3. Oktober 2021

Erntedank in Hinterstoder am 3.10.2021


















                                                                       Fotos: Traude Schachner
 

Freitag, 1. Oktober 2021

Am Ende des zweiten Weltkriegs. Teil 4

Herr Konsulent OSR Peter Grassnigg verbrachte seine frühe Kindheit in Vorderstoder, da sein Vater im 2. Weltkrieg dort Oberlehrer war.

Durch den frühen Bergtod seines Vaters, der 1946, 36 jährig in einem Schneesturm am Priel ums Leben kam übersiedelte seine Mutter mit ihm und seinem jüngeren Bruder zu den Großeltern nach Steyr.

Herr Grassnigg hat seine Erlebnisse und Jugenderinnerungen aus dem Blickwinkel seiner Kinderaugen in Vorderstoder und Steyr aufgeschrieben. Diese Erzählungen lassen uns die damalige entbehrungsreiche und unsichere Zeit sehr eindrucksvoll nachfühlen.  


Der 21.4.1945

Erst Jahre später konnte ich das obige Datum mit meinen Beobachtungen in Einklang bringen.
In meinem Alter von noch nicht einmal fünf Jahren waren mir weder Ursache noch Wirkung klar.
Ich hatte keine Angst oder eine andere Gefühlsregung. Nur staunen ob des gewaltigen Ereignisses, das sich über mir abspielte, erfüllte mich. Das Gehörte und Geschehene ist nur, wie vieles aus dieser Zeit, in Einzelbildern und als Kurzfilm in Erinnerung geblieben.
In immer neuen Wellen flogen die Bomber und Begleitflugzeuge über uns drüber. Nie mehr nachher in meinem Leben sah ich auf einmal eine solche Mengen an Flugzeugen am Himmel. Ihr Gedröhne durchdrang das ganze Tal. Der örtlich bestellte Luftschutzwart Berger, im Privatbereich Schuster und Mesner, kam um die Friedhofsecke und meldete den Anflug feindlicher Maschinen. Es war aber niemand da, außer wir Kinder, der ihm zuhörte, worauf er sich wieder zurückzog.
Ob es bei diesem Überflug, einem früheren oder späteren geschah, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls versetzte der wahrscheinlich aus technischen Gründen erfolgte Absturz einer feindlichen Maschine den ganzen Ort in helle Aufregung. Als das Interesse der behördlichen Ermittlungen und das der Erwachsenen am Unglück vorbei war, schlug auch für uns Kinder die Stunde und wir krochen in das Wrack hinein. Auch ich rannte mit einem kleinen Beutestück nach Hause und zeigte es voller Stolz der Mutter. Diese hatte allerdings damit keine Freude, im Gegenteil, ich musste den Fund zum Bürgermeister Riedler hinübertragen und dort abgeben.

Der Angriff der Bomberflotte am 21.4.1945 galt dem Bahnhof von Attnang/Puchheim.

Der Umbruch

In den letzten Kriegs- und ersten Friedenstagen glich unser Bergdorf einem Durchgangslager.
In Ermangelung geografischer Kenntnisse verirrten sich von beiden Seiten kommend Flüchtlingstrecks, rückflutende Soldaten, Wehrmachtsfahrzeuge etc. in unser Tal. Überall lag nicht mehr benötigtes Kriegsgerät, aufgebrochene Kisten und Schachteln herum. Kurz, es herrschte Chaos, weil die sonst penibel agierende und ordnende Nazimaschinerie von einem Tag zum anderen verschwunden war.
In der Schule fand schon länger kein Unterricht mehr statt. Die Mutter sperrte die sonst immer offene Haustür der Schule von innen zu, weil ständig jemand herein kam und irgend etwas wollte. In den Tagen des sogenannten Umbruches durften mein Bruder und ich wegen der großen Unsicherheit nur in Begleitung von Erwachsenen ins Freie und zum Spiel mit den Nachbarskindern. Angst hatten wir aber keine.
An die durchziehenden Flüchtlingsströme gewöhnten wir uns bald. In ihre Lager, die sie außerhalb des Ortes aufschlugen, durften wir nicht. Die Mutter kochte zusammen mit anderen Frauen des Dorfes im Schulhaus ununterbrochen Kartoffelpuffer, die sie an die Durchziehenden verteilte. Die dazu erforderlichen Naturprodukte brachten die Helferinnen mit. Auch Seife stellten die Frauen selbst her, denn daran herrschte akuter Mangel.
Einmal hätte die Mutter zum Dank ein kleines Pferd geschenkt bekommen. Sie nahm es aus guten Gründen nicht an, da keine Möglichkeit der Unterbringung und Versorgung bestand. Obwohl ich darum bettelte, fand ich kein Gehör. Auch die Bauern mochten diese Pferde nicht, sie waren ihnen zu „leicht“, wie sie sagten. Zur Bodenbearbeitung in unserer Gegend waren starke Rösser nötig.

Makabre Kinderspiele

Mein unmittelbares kleines Umfeld erstreckte sich zwischen Kirche, Pfarrhof, Schule, Krämer, Gemeinde und Bäckerei. Alles zusammen lag entlang der Staubstraße nicht weiter als 80 m auseinander. Dementsprechend klein war auch die Kinderschar, die auf diesem engen Raum zusammen lebte. An Kriegsspielen hatten wir kein Interesse, obwohl diese naheliegend gewesen wären. Im Sinne der Nachahmung beschränkten wir uns auf die bei Begräbnissen üblichen, örtlichen Rituale.
Die Bäckerbuben hatten von ihrem Vater einen Getreidesack erhalten. Dieser wurde in ein Messgewand für den jeweiligen „Pfarrer“ umfunktioniert. Die Vorbereitungen für eine spielerische Bestattung dauerten meistens bedeutend länger, als die darauffolgende Handlung. Jedem, jeder, denn auch Mädchen waren dabei, wurde eine bestimmte Funktion zugeteilt. Es gab den Pfarrer, den Kreuzträger, den Mesner, die Ministranten usw. Ich war für den Weihbrunnkessel zuständig. Dieser bestand aus einer mit Wasser gefüllten Blechdose, einem Draht als Henkel und einem Birkenzweig als Wedel. Als einer der Kleinsten musste ich mich anfangs mit dieser Funktion begnügen. Nur wenn jemand ausfiel, hatte ich die Chance auf Vorrückung.
Wir begruben in unserer kindlichen Fantasie in der Ecke des Spielgeländes alles: Würmer, Käfer, einen überfahrenen Frosch oder eine Maus, die wir der Katze weggenommen hatten. Die auf Deutsch gesprochenen Litaneien kannten die Größeren auswendig. Nur der „Pfarrer“ musste murmeln, indem er so tat, als ob er des Lateinischen mächtig wäre.
Fand ein echter Leichenzug statt, folgten wir diesem mit Respekt und genügendem Abstand, barfuß, unfrisiert, im schmutzigen Wochengewand, doch hellhörig auf jedes Detail achtend, da es beim Spiel der Wiederverwendung diente.
Eines Tages hob der Totengräber an der Außenmauer des Friedhofes eine Grube aus, die er nach getaner Arbeit mit einigen Brettern absicherte. Geraume Zeit später kam ein Landwirt mit einem Pferdegespann daher. Auf seinem Wagen lag eine männliche, nur mit Unterwäsche bekleidete Leiche, die er in die Grube warf und ein wenig mit Erde bedeckte. Er legte die Bretter wieder darüber und verschwand wortlos. Durch diesen Vorgang hatte uns die Realität eingeholt. Wenn nun jemand glaubt, die ganze Spielgemeinschaft wäre aus Angst und Schrecken vor dem Toten auseinander gelaufen und hätte sich versteckt irrt. Ganz im Gegenteil, die Echtsituation bot sich als einmalige Gelegenheit an, die auch genützt wurde. Es fand ein pompöses Begräbnis an der Grube nach unserer Art statt.
Jeder, der das liest, wird sich dazu seine eigene Meinung bilden und die Angelegenheit aus der Jetztzeit beurteilen. Für mich als damaliger Knirps kann ich berichten, dass das Erlebte keine nachhaltigen Spuren hinterließ. Die Bilder sind zwar lebenslang gespeichert geblieben, ich kann sie jederzeit aus dem Gedächtnis hervorholen. Noch dazu, weil ich nicht mehr genau weiß, ob das Geschehene auf Einmaligkeit beruht oder ob es eine Fortsetzung gab.
Fest steht, dass sich gegen Kriegsende und danach eine nicht mehr feststellbare Zahl von Nazi-Größen und Wehrmachtsangehörigen im Stodertal und im Toten Gebirge versteckt hielt. Aufgrund der Aussichtslosigkeit ihrer Lage begingen einige Selbstmord durch Erschießen oder Vergiften. Die örtlichen Pfarrer verweigerten einem auf solche Art zu Tode Gekommenen einen Ruheplatz in der geweihten Friedhofserde. Er wurde außerhalb verscharrt. Ob zur Feststellung der Identität solcher Toten jemals Anstrengungen unternommen wurden, weiß ich nicht.

Bei meinem letzten Besuch zu den Wurzeln meiner Kindheit bemerkte ich über der Stelle der seinerzeitigen Grube eine Betonplatte auf der zwei Abfallcontainer standen.

Freitag, 24. September 2021

Erinnerungen 1943 bis 1947 von Peter Grassnigg - Teil 3

Herr Konsulent OSR Peter Grassnigg verbrachte seine frühe Kindheit in Vorderstoder, da sein Vater im 2. Weltkrieg dort Oberlehrer war.

Durch den frühen Bergtod seines Vaters, der 1946, 36 jährig in einem Schneesturm am Priel ums Leben kam übersiedelte seine Mutter mit ihm und seinem jüngeren Bruder zu den Großeltern nach Steyr.

Herr Grassnigg hat seine Erlebnisse und Jugenderinnerungen aus dem Blickwinkel seiner Kinderaugen in Vorderstoder und Steyr aufgeschrieben. Diese Erzählungen lassen uns die damalige entbehrungsreiche und unsichere Zeit sehr eindrucksvoll nachfühlen.  

Steyr

Peter Grassnigg

Die Läuse


Einmal war die ganze Schule davon betroffen. Das heißt, fast alle Kinder hatten Läuse.
Wahrscheinlich lag das an den Flüchtlingen, die in Kolonnen durch den Ort zogen. Auch mein kleiner Bruder und ich hatten welche. Das einzige in Vorderstoder dagegen erhältliche und geeignete Mittel war das Petroleum. Man konnte es bei der Krämerin kaufen, die ein ganzes Fass davon im Vorhaus stehen hatte. Von dort zog sich sein Geruch bis vor die Haustür, aber auch in den Laden hinein, wodurch eine Duftmischung der besonderen Art entstand.
Die meisten Häuser in Vorderstoder hatten noch kein elektrisches Licht. Petroleumlampen und Kerzen dienten als Ersatz und die Krämerin machte ein gutes Geschäft mit der stinkenden Flüssigkeit.
Bevor uns die Mutter mit Petroleum gegen Läuse behandelte, schnitt sie uns die Haare kurz. Nicht etwa mit einer Schere, sondern mit einem Gerät, das vorne schmale Zähne wie ein Kamm aufwies. Durch das Drücken an zwei kurzen Hebeln zwischen dem Daumen und den übrigen Fingern bewegte sich hinter den Zähnen ein Messer hin und her, das die Haare in die gewünschte Länge brachte. Ich hasste diese Prozedur, weil sie mehr an den Haaren riss, als sie zu schneiden.
Danach rieb die Mutter unsere Köpfe mit verdünntem Petroleum ein und bedeckte sie mit einem Tuch. Anschließend durften wir für geraume Zeit nicht aus dem Haus. Nach einer Weile fing mein kleiner Bruder laut zu schreien und zu heulen an und riss sich das Tuch vom Kopf. Seine Haut war ganz rot und voller Blasen. Das Petroleum hatte dort seine ganze Wirkung entfaltet. Mir hat die Einreibung aus ungeklärten Gründen nichts getan und ich bin ohne merklichen Schaden zu nehmen, entlaust worden.

Das Krämerhaus

Bewusst wähle ich diese Überschrift, weil ich mich nur an das Gebäude, nicht aber genau an eine darin tätige Person erinnern kann. Ich glaube, dass sie Ida hieß und nicht mehr die Jüngste war.
Die Krämerei lag nur wenige Schritte rechts vom Schulhaus, hatte kleine vergitterte Fenster und die Haustüre in der Mitte. Es dürfte sich bei dem Objekt um eines der ältesten des gesamten Ortes gehandelt haben. Da die Krämerei in Rufweite der Schule lag, durfte ich mich dort gefahrlos herumtreiben.
Durch die meist offene Haustüre gelangte man in das kleine, niedrige Vorhaus. Dort türmte sich an den Wänden, fein säuberlich getrennt, bäuerliches Wirtschaftsgerät auf: Rechen, Gabeln, Sensen, Sicheln, Werkzeug für die Feld- und Waldarbeit, Seile, Ketten usw. In Kopfhöhe lief rundum eine Ablage von einem halben Meter Breite, auf der sich Gegenstände aus Blech befanden: Schüsseln, Kannen, Kübel, Töpfe, alles von unterschiedlicher Farbe und Größe sogar teilweise ineinander gestapelt. Mit einem Wort, ein richtiges Durcheinander. Eine steile Holztreppe führte in das Obergeschoß, das zwei niedrige kleine Räume enthielt. In der Ecke hinter der Treppe stand das Petroleumfass mit einer Handpumpe. Die Tür zum Laden war mit einem Glöckchen versehen, das einen lauten Ton von sich gab und der Krämerin Kunden anzeigte, wenn sie sich in ihrem linksseitig gelegenen Privatbereich aufhielt.
Den Geruch, den das ganze Haus erfüllte, kann man nicht beschreiben. Es roch und stank gleichzeitig, je nachdem in welchem Bereich des Hauses man sich gerade aufhielt und in welcher Jahreszeit man anwesend war.
Das wichtigste Utensil im Laden war die quer zur Tür stehende Budel. Auf ihr spielte sich das gesamte Geschäftsleben ab. Eine entscheidende Rolle hatte bei den meisten Produkten das Gewicht.
Die Waage zeigte von beiden Seiten sichtbar das richtige Maß an. Fertig verpackte Ware kam praktisch nicht vor, alles wurde in Papiersäcken und Tüten eingewogen.
Über dem Ladentisch hing eine Krämerschlange aus Holz und von dieser wiederum Bänder und Schnüre sowie allerhand anderes Zeug herunter. Faszination löste bei mir der in der Deckplatte der Budel eingefräste Schlitz aus, durch den die Krämerin die eingenommenen Münzen fallen ließ.

Geregelte Öffnungszeiten gab es nicht. Am besten lief das Geschäft an einem Sonntag Vormittag. Nach der Frühmesse deckten die Frauen ihren Bedarf, dann kamen erst die Männer.
Wegen des Krieges wurden die am Kirchenplatz stehenden diskutierenden Gruppen immer kleiner.
Für die Männer hielt die Krämerin Rauchwaren unterschiedlichster Art bereit, da sie auch über eine Tabakverschleißstelle verfügte, wie ein Schild an der Außenwand des Hauses anzeigte. Durch den Kriegsverlauf machte sich auch in unserem Ort der Lebensmittelmangel bemerkbar. Bei den Einheimischen hatte das keine so große Bedeutung, wie bei der zunehmenden Zahl an Evakuierten und Flüchtlingen.

Fliegeralarm und Luftschutzkeller

Aus Sorge um ihren schwer kranken Vater fuhr die Mutter mit uns Kindern während des Krieges gelegentlich mit Sack und Pack nach Steyr. Dafür benötigten wir von Vorderstoder bis zum Bahnhof nach Roßleithen ein Pferdegespann. Die Mutter sagte zum Fuhrmann: „Das ist wie der Auszug der heiligen Familie aus Ägypten.“ Zunächst ging es mit der Phyrnbahn bis nach Klaus. Dort stiegen wir in die Steyrtalbahn um. Am Steyrer Lokalbahnhof erwartete uns die Großmutter.
Ich wurde aus Sicherheitsgründen und wegen der schwierigen Ernährungslage in die Bahnhofstraße zu Oma und Opa verfrachtet, während sich meine Mutter mit dem Bruder bei ihren Eltern in der Grillparzerstraße einquartierte.
Wenn in Steyr die Sirenen heulten, öffneten die Leute wegen des bei einem Bombenangriff entstehenden Luftdrucks alle Fenster und liefen mit einem das Nötigste beinhaltenden Rucksack oder Koffer in den zugewiesenen Schutzraum.
Für die Bahnhofstraße war dies jener unter dem Schloss Lamberg mit dem Eingang an der Steyr kurz vor ihrem Zusammenfluss mit der Enns.
Die Oma verpasste mir einen kleinen Rucksack, der Leibwäsche enthielt. So bepackt liefen wir gemeinsam die Bahnhofstraße hinunter, über die Ennsbrücke dem aus dem Konglomeratfelsen herausgebrochenen Keller entgegen.
In der ersten Stunde unseres Aufenthaltes brannte dort noch die elektrische Deckenbeleuchtung. Diese fiel allerdings bald aus, es wurde stockdunkel und die Gespräche verstummten zu einem Gemurmel. Nach einem für mich nicht mehr nachvollziehbaren Zeitraum entzündete jemand eine Kerze, die den Gang, in dem wir auf Bänken saßen, ein wenig erhellte. Wieder nach einer Weile bemerkte ich, dass eine Frau einen Brotlaib auspackte und mit einem Messer Stücke davon abschnitt. Ich bekam auch eines und verspeiste es auf Anraten der Oma langsam kauend.
Später nahm das Gerede wieder zu, weil durchsickerte, dass Steyr mit seiner Kriegsindustrie das Ziel feindlicher Angriffe gewesen sei. Auf dem Weg zurück in die Bahnhofstraße sahen wir, dass ein Nachbarhaus einen Treffer abbekommen hatte und bei uns eine Menge Fensterscheiben kaputt gegangen waren.

Der Opa war aufgrund seines Alters, er war damals ca. 57, kein Soldat, allerdings gehörte er dem in Zivil dienenden Volkssturm an, der die Steyrer Brücken bewachen musste. Ich durfte ihm bei der Reparatur der Fensterscheiben helfen. Glas gab es in Steyr längst nicht mehr zu kaufen. Opa schnitt Karton zu und setzte ihn statt der Scheiben in die Rahmen. Mit meinen kleinen Fingern reichte ich ihm die Nägel, die er zur Befestigung des Kartons brauchte.

Freitag, 17. September 2021

Die Zeit von 1943 bis 1947 von Peter Grassnigg - Teil 2


Peter Grassnigg

Herr Konsulent OSR Peter Grassnigg verbrachte seine frühe Kindheit in Vorderstoder, da sein Vater im 2. Weltkrieg dort Oberlehrer war.

Durch den frühen Bergtod seines Vaters, der 1946, 36 jährig in einem Schneesturm am Priel ums Leben kam übersiedelte seine Mutter mit ihm und seinem jüngeren Bruder zu den Großeltern nach Steyr.

Herr Grassnigg hat seine Erlebnisse und Jugenderinnerungen aus dem Blickwinkel seiner Kinderaugen in Vorderstoder und Steyr aufgeschrieben. Diese Erzählungen lassen uns die damalige entbehrungsreiche und unsichere Zeit sehr eindrucksvoll nachfühlen.  

Das Feldkino

Die mediale Propaganda der Nazis erfüllte hauptsächlich den Zweck, die Wehrmoral im Hinterland und an der Front zu festigen. Der Film bildete dazu, ob seiner damals bestehenden Einmaligkeit, ein ideales Mittel zum Zweck. Eines Tages wurden im ohnehin schon beengten Vorraum der Schule mehrere Kisten und Geräte vorübergehend abgestellt, von denen es hieß, dass das die gesamte Ausrüstung für ein Feldkino wäre. An und für sich müsste man diesem Ereignis keine sonderliche Beachtung schenken bzw. überhaupt erwähnen, wenn es nicht für mich mit Folgen verbunden gewesen wäre.

Wahrscheinlich zur Bewachung der eingelagerten Objekte stand unter dem Türstock des Eingangs zur Schule ein in schwarzer Uniform und schön geputzten schwarzen Stiefeln bekleideter Soldat. Da das Schulhaus über keinen zweiten Ausgang verfügte und ich mich nicht traute, den großgewachsenen Mann anzusprechen, versuchte ich, auf allen Vieren durch seine gespreizten Beine ins Freie zu gelangen. Bei diesem Versuch erschrak der Mann und stieg mir unabsichtlich auf den kleinen Finger der rechten Hand. Mit einem fürchterlichen Geschrei lief ich den kurzen Gang zurück zur Küche und zu meiner Mutter.

Die Folge dieses Missgeschicks war ein blauer Fingernagel, den ich, als der ärgste Schmerz verflogen war, bei jeder sich bietenden Gelegenheit unter Schilderung des Tatherganges stolz vorzeigte.

Die Einlagerung

Wenn in unserem Bergdorf während des Zweiten Weltkrieges ein Auto anhielt, statt durchzufahren, war das eine kleine Sensation. Besonders für uns Kinder. Wir standen herum, staunten, so auch als ein mittelgroßer mit einer Plane bedeckter LKW vor unserer Schule anhielt und drei Uniformierte aus dem Führerhaus sprangen. Einer von ihnen schritt durch die immer offene Haustür der Schule und verlangte nach einer Lehrperson. Meine Mutter erklärte ihm, dass sie die Frau des im Krieg befindlichen Oberlehrers sei, hier wohne und am späten Nachmittag weder Kinder noch Lehrer in der zweiklassigen Volksschule anwesend wären.
Die beiden anderen Soldaten öffneten die hintere Bordwand des LKW und luden verpackte, flache Gegenstände unterschiedlicher Größe ab und stellten sie in den Hausflur.
Es handle sich um eine geheime Reichssache, erklärte der Anführer meiner Mutter, die Einlagerung erfolge kurzzeitig und sie trage als einzige Geheimnisträgerin die Verantwortung für die Sicherheit der Gegenstände. Als meine Mutter erwiderte, dass sie keine Garantie abgeben könne, erklärte ihr der Mann: „Sperren sie halt die Tür zu, denn wenn etwas fehlt, werden alle, die Kenntnis von der Sache haben, erschossen.“
Inzwischen trugen die beiden anderen Soldaten immer mehr Material herein, stellten es entlang der Wände im Flur ab, sodass nur ein kleiner Streifen zum Gehen übrig blieb. Selbst die Türen zur ebenerdig gelegenen Klasse und zu meinem Kinderschlafzimmer stellten sie zu.
Nach einigen Tagen war der Spuk wieder vorbei, die Sachen waren abgeholt worden und meine Mutter erleichtert und befreit.
An einen Ausspruch meines Spielgefährten, des Bäcker Poldi, zu diesem Ereignis, kann ich mich noch erinnern: „Jetzt is nix mehr mit dem daschiassn“.
Erst später erfuhr ich, dass es sich bei der Einlagerung um Bilder, die für den Salzstollen in Bad Aussee bestimmt waren, gehandelt hat.
(In den stillgelegten Werksanlagen des Altausseer Salzbergwerks wurde ab 1943 zum Schutz vor Bomben ein großes Depot von Raubkulturgütern aus Museen, Kirchen und Klöstern eingerichtet). 

                                                        Michelangelos Brügger Madonna bei der
                                                      Bergung aus dem Salzbergwerk Altaussee 1945

Die KZ-ler kommen

Als einer meiner Spielgefährten das in unser Vorhaus hineinrief, rannte ich vor das Schulhaus und sah den Zug langsam den Stockerberg heraufkommen und an mir vorbei ziehen.. Ich hatte natürlich keine Ahnung über das Was und das Wie und nahm das Ereignis eigentlich ohne besondere Gemütsbewegung in mich auf. Wie in einem Kurzfilm ist mir folgendes in Erinnerung geblieben:
Zumindest die Front des Zuges marschierte im Gleichschritt. Doch je weiter er sich in die Länge zog, desto schwerfälliger bewegten sich die Nachkommenden. Die Vorderen bildeten in der allseits bekannten gestreiften Häftlingskleidung eine Fünfer- oder Sechserreihe gegenseitig mit den Ellbogen eingehängt und dicht aneinander gedrängt. Sie trugen alle Holzschuhe und murmelten leise zur Erhaltung des Gleichschrittes. Die Füße setzten sie in kurzen Abständen hintereinander.
Wenige Wächter begleiteten den Zug. Mir fiel nur auf, dass sie alle mit einem Mantel bekleidet und mit einem Gewehr bewaffnet waren. Einen Stahlhelm hatten sie auf dem Kopf.
Hinter dem Zug fuhr ein "Holzgaser" (Auto mit Holzvergaser)  mit einer Ladefläche, aus der hinten nackte Füße heraus schauten. Woher die nur aus Männern bestehende Kolonne kam und was ihr Ziel war, konnte ich nie in Erfahrung bringen. Ich kam aber später zum Schluss, dass der Umweg durch das Steyr- und das Stodertal nur der Verlängerung des Todesmarsches diente.