Samstag, 10. Juli 2021

Das Bruckner-Orchester in Hinterstoder







                                                                       Fotos: Traude Schachner

Freitag, 9. Juli 2021

Geschichten aus dem Leben von Johannes Brahms

Die Oberdonau-Zeitung berichtete am 15.2.1944 über Anekdoten, die Einblick in das Leben des berühmten Komponisten Johannes Brahms (geb.1833, gest.1897) geben. Brahms verbrachte gerne seinen Urlaub in Mürzzuschlag. Dort gibt es auch ein Brahms-Museum.  Der Artikel wurde etwas gekürzt und unserer Zeit angepasst.

Brahms spie!t zum Tanz auf

Johannes Brahms, der berühmte Komponist, war ein etwas galliger Herr und wer ihn zum ersten Mal sah, erkannte in dem verdrießlichen Mann viel eher den Komponisten des „Requiem“ als der „Ungarischen Tänze“.

Es war im Jahre 1871, als Brahms in Wien mit einigen Freunden eine kleine Gaststätte aufsuchen wollte, in der stets ein Tisch für seine Gesellschaft reserviert war.
Eines Abends aber, als der Komponist in dem Restaurant erschien, fand er zu seiner unangenehmen Überraschung eine Anzahl lärmender Männer und Frauen vor — eine Volkssängerin, die damals sehr populär war, die Fiaker-Milli, gab ein Konzert. Brahms war wieder einmal in schlechtester Laune und schickte sich bereits an wieder zu gehen, als ihn der Besitzer bat, doch zu bleiben, denn die Sängerin hätte ausdrücklich „befohlen“, dass sein Tisch respektiert würde. Diese zarte Aufmerksamkeit schien Brahms sehr zu gefallen, er dankte, setzte sich und sah nun dem heiteren und ausgelassenen Treiben der Gäste mit leisem Schmunzeln zu. Nach dem Konzert sollte getanzt werden und alle warteten auf den Pianisten. Dieser erschien jedoch nicht, vielmehr brachte ein Bote die niederschmetternde Nachricht, dass der Klavierspieler erkrankt sei und nicht kommen könne. Da bemächtigte sich der Gäste, es waren Modistinnen, Wäschermädel, Fiakerkutscher und so weiter, tiefe Traurigkeit, denn ein Ersatzspieler war nicht aufzutreiben. Aber die Fiaker-Milli wusste Rat. Mit einem ganzen Schwarm hübscher Mädchen näherte sie sich Brahms, der zeitlebens nie geheiratet hat und bat ihn, doch wenigstens einmal, nur einen einzigen Walzer zu spielen. Ohne ein Wort zu sprechen erhob sich der Komponist, öffnete den Flügel und spielte einen Walzer seines Freundes Strauss.
Er spielte aber nicht nur einmal — er spielte drei Stunden lang, Walzer, Mazurkas, Polkas, fast ohne Pause, mit Schwung und Begeisterung. Kein Wunder, denn schon nach dem ersten Musikstück hatte er von der Fiaker-Milli drei feurige Küsse als süßen Lohn erhalten und nach jedem Tanz kam eines der Mädchen um den unermüdlichen Musiker in derselben Welse zu belohnen ... Als der Komponist des „Requiem" lange nach Mitternacht den Nachhausweg antrat, war von schlechter Laune nicht mehr die Rede, im Gegenteil, lustig pfeifend schritt ein glücklicher Mensch durch die zärtliche Wiener Sommernacht ...

Die Reliquien-Zigarette

Johannes Brahms war zeit seines Lebens ein leidenschaftlicher Zigarettenraucher. Und er hatte da seine „Verbindungen" — so etwas gab es nämlich damals auch schon, wenn auch nicht in dem Sinne, wie wir das Wort heutzutage anzuwenden pflegen.
Er ließ sich eine Spezialmarke geradewegs aus Ägypten kommen und diesen Original-Ägyptischen gehörte seine ganze Raucherleidenschaft. Nun freilich ist der Weg aus Ägypten weit und wenn nun hie und da einmal der Nachschub nicht gleich zur Stelle war, wusste er auch die Erzeugnisse der damaligen österreichischen Tabak-Regie gebührend zu würdigen. Von diesen übrigens bevorzugte er nicht etwa irgendeine der teuren Sorten, nein, sondern hier war es die „Sport“ seligen Angedenkens, die es ihm besonders angetan hatte. Über allem andern aber standen die Original-Ägyptischen.
Als Brahms nun wieder einen Sommer lang in Bad Ischl verweilte, empfing er eines Tages den Besuch eines jungen Pianisten, der soeben die Musikhochschule mit Auszeichnung absolviert hatte und später als Liederkomponist Erfolge errang. Er ließ sich von ihm vorspielen und war von dem Können des jungen Mannes so entzückt, dass er den spontanen Entschluss fasste, dem angehenden Künstler eine besondere Freude zu bereiten. „Sind Sie Raucher?" fragte er. „Ja", kam es schüchtern und bescheiden zurück. Ja, dann nehmen Sie sich hier mal eine Zigarette heraus, so etwas Feines haben Sie gewiss noch nie genossen.”  Und der Meister hielt dem jungen Manne die Schachtel mit den kostbaren Original-Ägyptischen hin. „Bin so frei . . .“ „Feuer haben wir auch hier . . .“, fuhr der Meister fort, dann aber stutzte er erstaunt, als er sah, wie der junge Mann seiner Rocktasche ein Blatt Papier entnahm, darin die Zigarette sorgfältig einwickelte und sich anschickte, das kleine Päckchen wieder in der Tasche verschwinden zu lassen. „Ach so, Sie wollen jetzt nicht rauchen?“ „Verzeihen Sie, Meister . , .“, stotterte der junge Mann, „ich möchte schon, aber . . . Aber diese Zigarette wird überhaupt nie geraucht werden. Die hebe ich mir auf als Reliquie ..." „Ach so! Sie wollen die Zigarette gar nicht rauchen?“ polterte daraufhin der Meister los. „Ja, warum sagen Sie das nicht gleich, Herr? Wenn das so ist, dann geben Sie sie gefälligst zurück. Wenn Sie bloß ein Erinnerungsstück wollen, tut’s eine „Sport“ auch ..."

Johannes Brahms

Emilie Turaczek -  "Fiaker-Milli"

Strauss und Brahms

Denkmal in Wien



Freitag, 2. Juli 2021

Begegnungen im Regenbogenhaus

Die Oberdonau-Zeitung berichtete am 12.9.1943 von Karl Heinrich Waggerl (geb.1897, gest.1973) dem berühmten Heimatdichter, der es mit seinen Besuchern auch nicht immer leicht hatte. Der Artikel wurde etwas gekürzt und unserer Zeit angepasst.

"Gäste aus der Stadt sind merkwürdige Geschöpfe, unergründlich, sie stecken voller Rätsel. Ob sie nun singen oder pfeifen, oder im stillsten Wiesengrund sitzen und Marschmusik auf einer Maschine spielen, einerlei, den Drang zum Geräusch haben alle in sich. Wenn Irgendwo ein Vogel auf dem Zaun sitzt, um seine Federn zu putzen und es kommt ein Sommergast des Weges, dann schweigt der Vogel und wartet mit seinem Geschäft, bis der Fremde vorbeigegangen ist. Aber der kann nicht schweigen, der muss mit dem Finger auf den Vogel zeigen und einen Schrei ausstoßen: Seht her, ein Kuckuck. Und dann fliegt der Vogel davon und kommt lang nicht mehr. Natürlich, weil ihn das ärgert, er ist ja kein Kuckuck, sondern ein Häher.

Andere Gäste wieder sind über alles menschliche Maß hinaus neugierig, besonders die weiblichen, und es gibt fast nur solche, soweit ich mich entsinne. Wo immer ein Kind am Wege sitzt, das eben erst ein wenig krähen kann, gleich wird es in ein weitäufiges Verhör gezogen, wie es denn heiße und wer sein Vater sei, lauter peinliche Fragen. Das Kind darf ja schweigen und sich sein Teil denken, aber unser einem ist es weniger leicht gemacht.

Zum Beispiel habe ich einmal, als mir sonst nichts einfiel, die Fensterläden an meinem Haus blau angestrichen, alle bis auf zwei im Untergeschoß, die sind braun geblieben. Die Dorfleute regt das weiter nicht auf, sie begreifen, dass einem zur Unzeit die Farbe ausgehen kann oder die Geduld, aber die Stadtleute bringt so etwas außer Rand und Band. Sie sammeln sich vor dem Haus und beraten die Sache unter sich. Etliche ziehen Schlüsse auf meinen Geisteszustand, meine Gemütsart, andere meinen, ich müsse auf jeden Fall ein Mensch von Eigenart sein und wieder andere bezweifeln das, die raten auf eine völlig zerrüttete Ehe. Und wahrhaftig, es fehlt nicht viel daran, dass sie recht behielten, denn auch die Hausgenossen mischen sich in den Streit und wollen die Schande nicht länger dulden.

Ich weiß nicht, vielleicht werde ich tun, was Salomon getan hätte. Ich werde noch ein paar Fenster rot und gelb dazumalen. Dann heißt mein Haus das Regenbogenhaus, und alle sind zufrieden.

Ein anderes Mal, während ich am Schreibtisch sitze, weil mir ist, als käme mich ein Gedanke an, trifft mich plötzlich eine Stimme vom Fenster her in den Rücken. Hier wohnt er, sagt die Stimme. Ja, sagt eine zweite. Aber er soll so scheu sein. Was heißt das nun? Natürlich muss ich sogleich aufstehen und leise zum Fenster schleichen, es war immerhin eine ziemlich treffende Bemerkung. Ich schaue hinaus und weil das nicht mehr zureicht, stecke ich den Kopf durch das Gitter. Aber in diesem Augenblick dreht sich das eine der beiden Wesen noch einmal um und sieht mich mit gerecktem Hals und lächerlich zerrauftem Haar, ich kann um alles in der Welt den Kopf nicht schnell genug wieder einziehen.

Es gibt freilich auch dreistere, die stehen plötzlich vor der Tür und kichern und stoßen sich an. Nach einer Weile klopft es auch wirklich und dann knöpfe ich in Gottes Namen den Hemdkragen zu und führe die beiden herein. Die eine hat einen Zettel mitgebracht, damit ich ihr einen Vers darauf schreibe, sie sammelt solche Zettel. Die andere aber, die hübschere, ist eigentlich nur spaßeshalber gekommen, um mir dabei zuzuschauen. Sie hat überhaupt noch keinen lebendigen Dichter gesehen immer nur Denkmäler. Nun, was mich betrifft, ich bin keineswegs aus Stein, sondern ein zugänglicher Mensch. Man darf bei mir in der Stube umhergehen und alles genau betrachten, darf sich in jeden Stuhl setzen und Bilder aus dem Fach kramen, und wenn man einen üppigen Mund hat und winzige Sommersprossen auf der Nase, dann darf man auch Fragen stellen, obwohl mir dabei der Reim wieder entfällt, den ich eben gefunden habe.

Ob ich denn diese vielen Bücher auch alle gelesen hätte? — Einige. Und wie das eigentlich zuginge, ob ich mich einfach hinsetze und schon fiele mir etwas Gereimtes ein? — Ach nein, erklärte ich, viel öfter etwas Ungereimtes. Aber die Leute merken es gar nicht immer. Natürlich, sagt das Fräulein, als ob es ohnehin von mir und den Leuten nichts Besseres erwartet. Und ob ich immer nur Verse machte oder manchmal auch etwas anderes? Ja? Was denn zum Beispiel? — Zum Beispiel diese Uhr an der Wand, behaupte ich, um mir ein neues Ansehen zu geben. So. Und die Bilder vielleicht auch? Ja, sage ich zerstreut, denn ich habe den Reim wieder gefunden Und diesen Krug auf der Truhe? Jawohl, erkläre ich, auch den, mein Kind. — Und woraus? — Aus Lehm und Geist, sage ich, und schreibe meinen Vers auf den Zettel. Aber dann müssen wir beide lachen, denn ich habe schändlich aufgeschnitten, es klebt ja eine Marke unten auf dem Krug.

Nein, sagt die Freundin säuerlich, nein, Liese, du bist entschieden zu vorlaut! Sie ist die Ältere von den beiden, sie hat keine Sommersprossen auf der Nase. Das Kind aber verstummt und ich wende mich auch wieder zu meinem Gedicht, ein wenig betreten. Es ist ja wahr, ich sollte mehr Würde zeigen, das bin ich dem Ansehen meiner Zunft schuldig. Wohin kämen wir, wenn jedes stupsnäsige Mädchen seinen Spaß mit uns treiben könnte? Wenn gar die Leute anfingen, bei allem, was wir ihnen zeigen, auch den Boden zu besehen".


Freitag, 25. Juni 2021

Ein Linzer Findelkind, Maler der Könige – Künstlerleben in Oberösterreich.

In der Oberdonau-Zeitung am 9. Mai 1943 berichtete Dr. Justus Schmidt über den Maler Franz Seraph Stirnbrand (geb. um 1788, gest. 1882) der auf ein ganz aussergewöhnliches Leben zurückblicken konnte.
Der Artikel wurde etwas gekürzt und unserer Zeit angepasst.

Im Jahre 1796 befand sich ein kroatisches Regiment auf dem Durchmarsch durch das Land ob der Enns und bezog das Nachtlager in der Nähe von Ebelsberg. Als im Morgengrauen der Übergang über die Traun erfolgte, fand man in der Nähe des Flusses ein etwa zwei Jahre altes Knäblein weinend auf der Uferböschung liegen, das nur mit einem Hemdchen bekleidet war.
Leute, die sich seiner annahmen, wollten eine Zigeunerin gesehen haben, die im Begriffe war, das arme Würmchen ins Wasser zu werfen, doch in ihrem schändlichen Tun aufgescheucht, eilte sie den abziehenden Kroaten nach und übergab das Kind den Kroaten.
Als die Soldaten mit dem nackten Kindlein in Ebelsberg eintrafen, vermochte sich niemand seiner zu entsinnen und auch keiner von den guten Ebelsbergern schien gewillt, sich seiner anzunehmen. Da trat aus einem der Gasthöfe am Hauptplatz ein Mann heraus, der sich offensichtlich auf der Durchreise befand. Er nahm, sobald er sich der Umstände vergewissert hatte, kurzer Hand den Knaben an sich und fuhr mit ihm davon. Es war just ein alter Junggeselle, der sich da rasch entschlossen zu einem Pflegevater aufgeschwungen hatte. Er war der Pfleger (Verwalter) des weitab gelegenen Gutes Zellhof im Mühlkreis namens Reser.

Bei ihm wuchs der Knabe auf und der alten Köchin des Hagestolzes (kauziger Junggeselle) wurde seine Erziehung anvertraut. Sie hielt es damit vielleicht nicht zum besten, denn nach etwa Jahresfrist fand sich der Findelknabe allein in der Küche und bekam eine Wergrupfe (zur Verarbeitung von Flachsfasern) wie solche besonders im Mühlviertel zum Spinnen vorbereitet gehalten werden, in die Finger. Das Kind nahm die Rupfe um den Hals, fing damit am offenen Herde Feuer und stand alsbald, den Kopf von Flammen eingehüllt, da. Auf sein Geschrei lief die alte Köchin herbei und hatte mit ihrer Schürze bald das Feuer erstickt. Nur ein Brandmal blieb als Denkzeichen auf der Stirn zurück. Als die Schwester des Pflegevaters, eine verwitwete Frau von Berner, von dem schrecklichen Ereignis erfuhr, beeilte sie sich, den Findling zu sich in die Stadt Enns zu nehmen und mit größerer Sorgfalt aufzuziehen. Im Jahre 1805, als der Knabe etwa elf Jahre zählen mochte, ward über ihn beschlossen, dass er ein tüchtiges Handwerk erlernen sollte. Da er immer besondere Neigung zum Zeichnen bezeugt hatte, wurde er nach Linz dem Schildermaler Rieger in die Lehre gegeben. Der Meister gewann den begabten Knaben lieb und bestimmte zum Abschluss seiner dreijährigen Lehrzeit eine feierliche Taufe, bei der er selbst Pate stand. Da es unsicher war, ob er schon früher einmal getauft worden war, wurde er am 2. April 1808 getauft und erhielt den Namen Franz nach dem Heiligen des Tauftages sowie den Familiennamen Stirnbrand nach dem Brandmal auf seiner Stirn.
Seine künstlerische Weiterbildung sollte nun der Zimmermaler Hefner übernehmen und als dies wenig fruchtete, kam er zu Anton Hitzentaler, der ein tüchtiger Schüler des berühmten Malers Kremser-Schmidt war. Schon nach Jahresfrist fühlte sich der Junge Franz Stirnbrand in der Malkunst so sicher, dass er seinen Lehrmeister und die Heimat überhaupt verließ. Er machte sich auf die Wanderschaft und es sollte lange währen, bis er mit seinem unruhigen Künstlerblut weit in der Ferne wieder sesshaft werden sollte.

Zunächst fand Stirnbrand in Frankfurt festen Halt, wo er von 1809-1812 in einer Blechwarenfabrik mit dem Bemalen von Tassen und Schnupftabakdosen beschäftigt war. Hauptsächlich waren es weibliche Bildnisse, mit denen er die verschiedensten Blechgeräte verzierte und als er darin genügend Übung erlangt hatte, zog er aus Frankfurt fort und begab sich 1813 nach Stuttgart als Bildnismaler. Als erfolgreicher Porträtmaler kam er 1816 nach Linz zurück, fand auch hier in den Bürgerkreisen manchen lohnenden Auftrag, brach aber 1820 schon wieder auf. Durch Süddeutschland und die Schweiz reiste er nach Paris, ging über Luxemburg und Trier nach Karlsruhe und verblieb dort bis 1824.
Nun lockte ihn die Kunst Italiens. Er begab sich nach Rom und brachte es auch dort zu solchem Ansehen, dass er den Papst Leo XII. malen durfte, dessen Bildnis sich jetzt im Stift St. Florian befindet. Im Jahre 1825 verließ er Rom, einer ehrenden Berufung der Königinwitwe Charlotte Mathilde von Württemberg, Tochter Georgs III. von England, nach Ludwigsburg folgend. Stirnbrand wurde der Maler des Württembergischen Hofes und setzte diese Tätigkeit auch in Stuttgart fort, wo er 1830 endlich seinen bleibenden Wohnsitz aufschlug. Ein wenig steif, aber voll Anmut und verblüffend lebenstreu, schuf er seine Bildnisse der hohen und höchsten Herrschaften. Das Findelkind war der Maler der Könige geworden. Er malte die offiziellen und oft wiederholten Bildnisse der Könige Wilhelm I. und Karl von Württemberg, der Königinnen Katharina Paulowna, Charlotte und Mathilde. Aber auch anmutige Szenenbilder waren von ihm auf den verschiedensten Ausstellungen in deutschen Städten zu sehen, wie etwa die vier Jahreszeiten, dargestellt durch vier schwäbische Mädchen in Nationaltracht. 

So kam Stirnbrand zu Ehren und Wohlstand, heiratete ein Mädchen aus alter schwäbischer Familie und baute sich ein hübsches Haus in Stuttgart, das einen geselligen Mittelpunkt der Hauptstadt bildete. Der Sohn des großen Dichters, Karl von Schiller, dessen Bildnis Stirnbrand malte, Geibel, Lenau, Dingelstedt, Hackländer gehörten zu seinen Freunden. Hackländer hat ihn in seinen Lebenserinnerungen als geselligen Mann lebensfrisch geschildert: „Stirnbrand. ein stiller, freundlicher, stets harmonisch und froh gestimmter Mann von unverwüstlichem Humor, war auch wegen seiner Talente, eine Gesellschaft zu erheitern, bekannt und geliebt.
Wie drastisch und komisch stellte er, mit einem Offiziersfederhut auf einem Stuhl reitend, den Einzug der drei Monarchen in Paris vor. Wie ergötzlich wusste er die Geschichte vom Sohn der Wäscherin zu erzählen, der sich mit seinem weißen Höschen auf das frischgeschriebene Epitaphium (Gedenktafel für einen Verstorbenen) setzte und dann einen korrekten Abdruck der Grabschrift mit sich herumtrug. Wir krümmten uns oft vor Lachen, wenn er hinter einem Vorhang die Leiden jener alten Frau schilderte, die durch Applikation eines gewissen Instrumentes Linderung suchte, dann aber in quälender Unruhe verharren musste, bis der Schreiner kam, um den defekt gewordenen gewissen Stuhl (Leibstuhl) zusammenzuflicken. Wie vortrefflich war sein Schusterbube, der den Auftrag zu besorgen hatte, aber nie über die Worte, die er zuletzt weinend wiederholte hinauskam- „A Komplement vo meim Meister und meiner Meisterin". Glückliche Stunden und Abende, die wir in dem heiteren gastfreien Hause verbrachten, bei den liebenswürdigsten Wirten und der stets auserlesenen Gesellschaft von Künstlern aller Art, Schauspielern und Sängern.“

Im Jahre 1882 ist Stirnbrand, der über neunzig Jahre alt wurde, in Stuttgart gestorben.

Franz Seraph Stirnbrand

Einlaufen des Raddampfers „Kronprinz“ in den Hafen
 von Friedrichshafen
 von Franz Seraph Stirnbrand, circa 1840

Königin Katharina von Württemberg

 Wilhelm I. König von Württemberg

Pauline oder Marie von Württemberg 

Freitag, 18. Juni 2021

Franz Grillparzer als Kurgast in Bad Hall.

Die Oberdonau-Zeitung berichtete am 15.4.1944 vom Kuraufenthalt Franz Grillparzers, einem der "Österreichischen Nationaldichter", in Bad Hall. Der Artikel wurde etwas gekürzt und unserer Zeit angepasst.

Am 11. Juni 1866 reiste Franz Grillparzer (geb. 1791, gest. 1872) von Wien zu einem Kuraufenthalt nach Hall ab. Bis 1878 hieß der heute in der ganzen Welt bekannte Kurort ja Hall, erst ein Ministerialerlaß aus diesem Jahr änderte den Namen des Marktes in Bad Hall, wohl um ihn von Hall in Tirol zu unterscheiden.
Grillparzer war um diese Zeit bereits ein Jahrzehnt lang als Archivdirektor der Hofkammer im Ruhestand. Außer der Novelle „Der arme Spielmann" und dem dramatischen Fragment „Esther“ hatte die Öffentlichkeit seit der Ablehnung seines wundervollen Lustspieles „Weh dem, der lügt!“ am 6. März 1838 vor allem durch die adeligen Theaterbesucher nichts mehr von ihm als Dichter gehört. Wohl aber hatte ihn 1859 die Universität Leipzig zu ihrem Ehrendoktor, 1861 das Herrenhaus zu seinem Mitglied und 1864 die Stadt Wien zu ihrem Ehrenbürger erhoben. Den Dichter hatten diese Ehrungen gefreut, aber seine Natur war nicht so geartet alle Demütigungen von früher zu vergessen. So sehen wir ihn auch in Bad Hall als den griesgrämigen alten Herrn, der in dem Haus Eduard-Bach-Straße Nr.2, absteigt.  Er nimmt zunächst 8 oder 9 Bäder, mit dem Erfolg, dass er, wie er an Kathi Fröhlich schreibt, „etwas besser gehe als in Wien“. Dieser Brief ist mit 21. Juni 1866 datiert.
Noch hebt sich die drohende Niederlage Österreichs durch Preußen vom Horizont eines mit Spannungen geladenen Europa nicht ab. Aber dafür ist der Wettergott missliebig und Grillparzer beklagt sich darüber sehr: „Ich weiß nicht, ob das Wetter in Wien ebenso schlecht war, hier aber war halb der Untergang der Welt. Bei jedem Sonnenblick unmittelbar ein ungeheures Gewitter, darauf die Berge bis herab mit Schnee bedeckt, halb winterliche Kälte, und Regen nach Herzenslust. Ich habe das alles mit meiner ledernen Natur ausgehalten.“ Er lässt dann noch seinen Ärger über das harte Fleisch aus, das er vorgesetzt bekommt, vor allem über die mageren Hühner, die er zurückschickt, aber doch bezahlen muss. Schließlich legt sich der Badearzt Dr. Rabel ins Zeug, der ihn der Wirtin zur „Kaiserin Elisabeth“ empfiehlt. Dort erhält Grillparzer denn auch „das erste mal ein gutes, die folgenden Male ein wenigstens erträgliches Rindfleisch“. Von Dr. Rabel sagt er noch, dass er „recht freundlichst“ sei.
Grillparzer kann aber nicht umhin, die Landschaft um Bad Hall zu loben: „Übrigens ist die Gegend ganz hübsch. Das Grün saftig, der Badgarten hinreichend mit Bänken versehen.“ Er ist auch froh, dass kein Bekannter hier ist, nur eine Frau, „wie es scheint eine Ungarin“, die ihn vom Römerbad her kennen will; ist ihm wohl lästig. Er erkundigt sich nach dem Söhnchen der ihm bekannten Wiener Familie Wieninger, das in Bad Hall zur Kur ist, und findet es auch im Elisabeth-Spital krank im Bett liegend. Dazwischen teilt er Kathi noch mit, dass er einen Besuch beim Prälaten in Kremsmünster, zu dem der Haller Pfarrer im Namen des Prälaten einlädt, wegen seiner Schwerhörigkeit abgelehnt, aber versichert habe, sobald er eine Besserung verspüre, „gewiss einen Besuch abstatten zu wollen“. Es ist der als Astronom bedeutenden Ruf genießende Abt Augustin Reslhuber, Ehrendoktor der Wiener Universität, geboren in der Ortschaft Saaß, Gemeinde Garsten nächst Steyr. Noch einen zweiten Brief lässt der Dichter aus Bad Hall abgehen, und zwar am 3. Juli, wieder an Kathi Fröhlich. Es ist also der Tag der Schlacht bei Königgrätz; Grillparzer konnte natürlich noch nichts von der Niederlage Österreichs wissen. Aber er ahnt sie, denn er schreibt im Anfang sarkastisch: „Dass die erfreulichen Kriegsnachrichten meinen Wunsch, bald nach Hause zu kehren, sehr vermehrt haben, ist wohl begreiflich.“ Und er schließt den Brief: „. . . dass mir die Preußen nicht in Wien zuvorkommen.“ Das staatsmännische Genie Bismarcks hat dann gegen den Widerstand seines Königs Österreich im Vorfrieden von Nikolsburg und im Frieden von Prag nicht gedemütigt und so den Grund zu einem Bündnis zwischen den beiden Staaten gelegt, das im Verlauf der geschichtlichen Ereignisse, letzthin im Weltkrieg, seine Probe in einer Waffenbrüderschaft sondergleichen bestanden hat.
Grillparzer, nach allen Kränkungen stets ein unbedingt treuer Diener seines Herrn, mag mit dieser Lösung einverstanden gewesen sein. In diesem Brief gesteht er noch mit Bezug auf den Bruderkrieg: „Die kriegerischen Neuigkeiten werden wohl alle Leute so martern wie mich.“ Dann schimpft er sogleich, dass man hier in dieser Einöde nichts als die mageren Journal-Nachrichten“ erfahre. Nun berichtet er seiner „Katti", wie er den Namen immer schreibt, dass er am 14. Juli, einem Samstag, sein dreißigstes Bad nehmen werde. Doktor Rabel habe erklärt, dass auch ein einmonatiger Aufenthalt in Bad Hall für ihn genug sei. Er wolle also am 16. Juli, denn ein Sonntag sei nicht gut zum Reisen, von dem Kurort wegfahren und werde abends bereits in Wien eintreffen. Das Wetter ist indes nicht besser geworden, es wechselt „von der drückendsten Hitze bis zur empfindlichen Kälte“. Über den Erfolg der Kur ist er aber doch einigermaßen zufrieden: „Das Bad hat meine Übel, wenn auch nicht gehoben oder gemindert, doch auch nicht verschlimmert und auf die Nachwirkung rechnet man ja bei allen Bädern.“ Später setzt er hinzu: „Ich habe heuer meine letzte Badereise gemacht, wenn ich auch noch so viele Sommer erleben sollte.“ In der Folge hat er in den Jahren 1867—1871 auch stets nur das nahe bei Wien gelegene Baden aufgesucht.

Grillparzer ist am 17. Juli 1866 von Bad Hall nach Wien zurückgekehrt. In Bad Hall erinnert eine Marmortafel am Hause Eduard-Bach-Straße 2 an den Kuraufenthalt des Dichters: „Franz Grillparzers Wohnhaus während der Saison 1866.“ Ergehen wir uns in dem herrlichen alten Park mit dem Anblick der wilden Steinzacken des Toten Gebirges und der stimmungsvollen Landschaft davor, so wandern wir sicherlich auch auf den Spuren des großen Dramatikers, der hier, in seiner Ahnenheimat, Heilung gesucht hat. Bekanntlich stammen die Grillparzer ja aus Oberösterreich, allerdings nicht aus dem Mühlviertel, sondern, wie neue Forschungen ergeben haben, aus Waizenkirchen im Hausruckviertel.                                       Carl Hans Watzinger


Franz Grillparzer und Lebensgefährtin Katharina (Kathi) Fröhlich 


Grillparzer Denkmal in Wien




Freitag, 11. Juni 2021

Die Uhr ist stehen geblieben.

Der große Wiener Volksschauspieler Alexander Girardi (geb: 1850, gest. 1918) war, wie so mancher andere hervorragende Komiker, ein großer Hypochonder. Hörte er von einer Krankheit, so fragte er sich immer gleich bedrückt, ob er sie, wenn auch vorläufig noch versteckt, nicht ebenfalls habe.

Die Oberdonau-Zeitung vom 4.1.1943 berichtete darüber. Der Artikel wurde etwas gekürzt und unserer Zeit angepasst.

Eines Tages, während er gemächlich in Wien durch die Kärntner Straße nach dem Graben zu spazierte, traf Girardi einen seiner näheren Bekannten, einen Herrn Penkala. Dieser begrüßte ihn lebhaft, man bekomplimentierte (tauschte Komplimente aus) sich und ging zusammen weiter, wobei Girardi fragte: „Was gibt’s denn Neues?“ Penkala wiegte bedauernd den Kopf: „Neues gibt’s schon, aber nix Gutes. Wissen’s, Herr von Girardi, was gestern dem Hartlmeier passiert ist?“ Girardi schüttelte den Kopf: „Keine Ahnung! Was ist denn geschehen?“ „Also ein sehr trauriger Fall, das muss ich schon sagen. Da sieht man doch wieder, dass der Mensch ein Nichts ist. 

Der Hartlmeier sitzt also wie gewöhnlich nachmittags Im Kaffeehaus, spielt seinen Tarock und plaudert mit seinen Freunden und mit einem mal kommen ihm ihre Stimmen so gedämpft vor, werden immer leiser und der Hartlmeier sagt: „Was sprecht ihr denn so geheimnisvoll?“ Sie sehen ihn ganz verwundert an und sagen: „Wir reden doch wie sonst.“ Und da zieht er seine Uhr heraus, hält sie ans Ohr — und hört nichts mehr, keinen Ton. Taub ist er geworden.“

Girardi erbleichte und blieb stehen. „Was — was sagen Sie da?" Er griff hastig nach seiner Uhr, hielt sie ans Ohr, seine Augen wurden starr vor Schreck und er flüsterte: „Um Himmelswillen, ich hör nicht das Geringste!" Auch Penkala verlor die Fassung: „Sie hören nichts mehr? Zeigen`s mal die Uhr her! Er nahm sie dem bestürzten Künstler aus der Hand und sah auf das Zifferblatt, dann lächelte er: „Sie können auch nichts hören. Die geht ja gar nicht, die ist stehen geblieben!" „Stehen geblieben? Wirklich!" In Girardis Gesicht kam wieder Farbe. Penkala aber erklärte: „Sie, da können S' von Glück sagen, denn wenn die Uhr ginge — dann wären S’ jetzt taub!“                                                                                                      Alfred Semerau 

Der Girardi-Rostbraten

Girardi war einmal zu einem Essen mit Kaiser Franz Josrph bei der Schauspielerin Katharina Schratt in Bad Ischl eingeladen. Beim Zusammenstellen des Essens war die Schratt in der Zwickmühle. Girardi war als Gemüseliebhaber bekannt und der Kaiser hat am liebsten Rindfleisch gegessen. Da ist der Schratt die Idee gekommen und sie hat ihre Köchin angewiesen das Rindfleisch mit Gemüse zu garnieren so dass man vom Fleisch nur mehr wenig gesehen hat. Damit war der Girardi-Rostbraten erfunden, den es auch heute noch gibt. 

Girardi hatte nicht nur riesigen Erfolg, er musste auch dunkle Zeiten durchstehen. Das ist in Wikipedia nachzulesen.

Auf Alexander Girardi geht die Neurologie-Reform unter Kaiser Franz Joseph zurück.
Girardis erste Frau, Helene Odilon, wollte ihn entmündigen lassen. Der Arzt Josef Hoffmann (Arzt des Theaters an der Wien) stellte auf ihr Betreiben ein Attest aus, in dem er Girardi für geisteskrank erklärte. Im letzten Moment erfuhr Girardi von dieser Aktion und floh zu Katharina Schratt. Auf ihr Betreiben und das Einschalten des Burgtheaterarztes Staniek und des Gerichtspsychiaters Hinterstoißer wurde Girardi für „geistesgesund“ erklärt.
Nach einer anderen Darstellung dieses Ereignisses wurde Girardi vom berühmten Psychiater Julius Wagner Jauregg kurzfristig ohne Untersuchung in die Grazer Nervenheilanstalt eingewiesen. Girardis Ehefrau Helene hatte vor, den Schauspieler entmündigen zu lassen, weil sie ein Liebesverhältnis mit Albert von Rothschild, einem der reichsten Männer Europas hatte und Girardi sie störte. Dazu nutzte sie ihre Kontakte zu Wagner-Jauregg.

Der Schauspielerin Katharina Schratt, bekanntermaßen die „Freundin“ des Kaisers, gelang es durch ihre gesellschaftlichen Verbindungen, Girardi wieder aus der Heilanstalt herauszuholen. Deshalb entging Girardi zufällig seiner Einlieferung ins Irrenhaus.
Der Kaiser ordnet darauf hin an, dass nie wieder jemand per Ferngutachten in die Psychiatrie gesperrt werden dürfe.

Helene Odilon erlag im 74. Lebensjahr total verarmt 1939 einem Schlaganfall in Baden bei Wien.

Alexander Girardi

Helene Odilon

Alexander Girardi
 als Kaufmann, Abgeordneter und Richter



Girardi-Denkmal in Wien