Freitag, 11. Dezember 2020

Das "Raubwild" und "Raubzeug"

Am 2. Februar 1945, kurz vor Ende des 2. Weltkrieges berichtete die "Oberdonau-Zeitung" unter dem Titel "Das "Raubwild und Raubzeug" über Füchse, Marder  und Raben etc. im  Monatsspiegel für Naturschutz.
Der Artikel wurde etwas gekürzt und an die Schreibweise unserer Zeit angeglichen.


Wenn im tiefen Winter die eiskalten Nächte über den im Rauhreif starrenden 
Wäldern stehen, dann hat auch der sonst so findige Fuchs schwere Nahrungssorgen und der unbarmherzige Hunger treibt ihn zu unverschämten Räubereien. Manchem Bergbauern, der seinen Hühnerstall nicht sehr sorgfältig verwahrt hat, hat er schon um mehr als die Hälfte seines Geflügelstandes gebracht. Hasen und Wildhühnern stellt er mit besonderer Hartnäckigkeit nach und selbst das Reh, das mit seinen schmalen Schalen tief in den Schnee einbricht und nur mühsam fortwaten kann ist vor seinen Angriffen nicht sicher, wenn die Harschdecke den heißhungrigen Rotrock gerade noch trägt.

Unter solchen Umständen ist es begreiflich, dass der Jäger dem Fuchs keine Schonzeit zubilligt und ihm, wo er sich stärker vermehrt, mit Büchse und Hund aber auch mit weidgerecht gestellten Fallen scharf zusetzt. Die „führende Fähe“ (Füchsin mit Jungen) aber genießt vom 15. März bis zum 16. Juni Schonzeit, wie überhaupt das Jagdgesetz gemeinsam mit dem Naturschutzgesetz dafür sorgt, dass keine einheimische, wildlebende Tierart ausgerottet wird. Man ist durch Schaden klug geworden. Als vor etwa 50  Jahren (1895) in einem großen Jagdrevier alle Jäger mit dem Vorsatz zusammentraten, das gesamte „Raubwild"  wie z.B. Füchse, Fischotter, Edel- und Steinmarder, Adler und Falken) sowie alles „Raubzeug“ (Habicht, Sperber, Krähen, Elstern, großes und kleines Wiesel) vollkommen auszurotten und dies auch gründlich durchführten, wurde ihre Erwartung auf eine bedeutende Verbesserung des Nutzwildstandes nur im ersten darauffolgenden Jahr bestätigt. Dann aber setzte ein katastrophaler Rückgang ein. Tierseuchen rafften massenweise Hasen und Wildhühner dahin denn es fehlte die „Wald- und Feld Gesundheitspolizei". Außerdem hatten die Landwirte eine furchtbare Mäuseplage.
Die aus alten Lehrbüchern übernommenen Begriffe „nützlich" und „schädlich“ sind meist nur sehr bedingt zu verstehen. So wird der Fuchs in manchem Hochwildrevier kaum als besonderer Schädling anzusprechen sein; andererseits kann er in Niederjagdgebieten besonders in Fasanerien, großen Schaden stiften. Er ist dabei aber ein vorzüglicher Mäusevertilger und frißt auf seinen Streifzügen unzählige Schadinsekten. Viel Unklarheit besteht in Laienkreisen über die rabenartigen Großschnäbler, von denen die drei Krähenarten: die einfach-schwarze gemeine oder Rabenkrähe, dann die schwarz und grau gezeichnete Nebelkrähe und die blauschwarz schillernde Saatkrähe zwar recht gute Mäusevertilger, aber — ebenso wie die Elstern und Häher — arge Nesträuber sind und keine Schonzeit genießen. Die genannten drei Schwarzröcke sind im tiefen Winter ganz vertraute Erscheinungen. Ihr großer Vetter aber, der mächtige Kolkrabe, ist lange schon aus dem Bereiche der Stadtränder verschwunden wo er noch, vor nicht allzu langer Zeit, an den dort zur allgemeinen Warnung errichteten Galgen seinen „Rabenbraten“ fand (Galgenvogel!). Jetzt hat er sich in einsame Gebirgstäler zurückgezogen, gilt uns — ebenso wie Adler und Uhu — als lebendes Naturdenkmal und hat das ganze Jahr Schonzeit.
Die Verbundenheit von Jagd- und Naturschutzgesetz, aber auch mit dem Tierschutz, geht aus den Verordnungen über das Fallenlegen hervor. So dürfen Schlageisen im Jagdrevier nur vom Forstbeamten und Berufsjäger ausgelegt werden. Sehr wesentlich ist die „optische Tarnung“ von Fuchs- und Marderfallen gegen Raubvögel, von denen bekanntlich alle — mit Ausnahme des Hühnerhabichts und des Sperbers — geschützt sind. Der Köder soll vom Fuchs nur durch den Geruch gefunden werden. Erst kürzlich ist im benachbarten Niederösterreich ein Seeadler in ein nicht genügend getarntes Fuchseisen geraten und auf gleiche Art hat Oberösterreich einen seiner wenigen herrlichen Steinadler im Sengsengebirge verloren. In einer Zeit, in der wir um so viele Kulturwerte gebracht werden, ist es um so mehr Gebot der Stunde, den Reichtum unserer Heimatnatur zu wahren, der eine dauernde Quelle unserer Kraft bleiben soll. 
                                                                                     Dr. Heinrich Seidl





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