Freitag, 13. August 2021

Die Eisenstraße im Tal der Enns und Steyr einst und heute.

Prof. Gregor Goldbacher aus Steyr (geb.1875, gest.1950), der auch oft in Hinterstoder war, erforschte Geschichte und Heimatkunde in der Stadt Steyr und entlang der Nebenflüsse Enns, Krems und der Steyr.
In einem Zeitungsartikel in der Oberdonau-Zeitung vom 1. August 1943 berichtete er über die Eisenstraße. Der Artikel wurde etwas gekürzt und unserer Zeit angepasst.

Unter den Straßen, die den südlichen Teil unseres Heimatlandes und den nördlichen der angrenzenden Steiermark durchziehen, ist wohl keine, die an volkskundlicher Bedeutung die Eisenstraße überträfe.
Betrachten wir jedoch die Peutingersche Tafel der Römerstraßen unseres Landes, so müssen wir seltsamer Weise feststellen, dass darauf die Eisenstraße vollständig fehlt. Auch die ganze Anlage der Straße spricht gegen eine Erbauung durch die Römer, obwohl die Tatsache, dass diese in Laureacum (Lorch bei Enns) eine bedeutende Schildfabrik hatten und dazu das Eisen aus dem steirischen Erzberg bezogen, darauf schließen ließe.

Da zur Römerzeit die Eisenstraße bloß von Eisenerz bis Großreifling bestand, muss angenommen werden, dass von hier aus, wie aus einer Urkunde Albrecht III. geschlossen werden kann, das kostbare Metall nur auf Flößen bis Steyr verfrachtet worden sein kann. Dies läßt aber immer noch die Frage offen: Wer war der Erbauer der Eisenstraße und wann wurde sie hergestellt? Die Antwort auf diese Fragen ist auch heute (1943) noch nicht möglich geworden. Dass die unbekannten Erbauer der Straße mit großen Geländeschwierigkeiten zu kämpfen hatten, ist für jedermann ersichtlich, denn sie schmiegt sich fast ängstlich allen Windungen des rauschenden Ennsflusses an, senkt sich bald tief hinab bis fast an seine Ufer, weicht dann wieder hemmenden Felsklippen aus und klettert steil empor gleich einer kühnen Alpenstraße. So wechselt auf der mehr als 80 Kilometer langen Straße ununterbrochen das schöne Landschaftsbild, lässt die Blicke gleiten in romantische Seitentäler, wo heute noch die Zeugen der alten, durch den Erzberg befruchteten Eisenhämmer zu sehen sind, oder gibt hoch über dem tiefeingeschnittenen Tal den Blick frei für die mächtigen Kalkriesen der Gesäuseberge.
Dem Wanderer auf der Eisenstraße, die in Steyr bei der Neubrücke am rechten Ennsufer beginnt und auf diesem bis Großreifling verbleibt, erschließt sich zuvorderst die Schönheit und Fruchtbarkeit des Alpenvorlandes; dann treten die Ennstalerberge immer näher heran, tief gefurchte Seitentäler verursachen für die Straße mächtige Steigungen und Gefälle. Bestimmend für den Verkehr in beiden Richtungen war der Umstand, dass die Stadt Steyr, als Besitzerin eines Teiles des Erzberges (Innerberg) durch das große Stapelrecht Albrechts I. vom 21. August 1287 einerseits alles Eisen nach Steyr verfrachten konnte, aber auch bei den Warenzügen, welche die berühmten Steyrer Eisenwareren zu den Handelsplätzen in Aquileja und Venedig brachten, den kürzesten Weg verbunden mit Mautfreiheit, benutzen durfte. Dieser Weg aber war die Eisenstraße bis Großreifling, dann jedoch, da durch das Gesäuse noch keine Straße führte, über den Buchauer Sattel nach Admont und über Rottenmann — Trieben nach Oberzeiring und weiter nach Süden. Schwere Pferde müssen es gewesen sein, die die zahlreichen Wegstellen zu bewältigen hatten und die Begleiter der Warenzüge waren wohl bewaffnet, denn die heutige Idylle der Losensteiner oder Gallensteiner Ruine war damals noch keine Idylle, sondern auf den festen Burgen von Losenstein und Gallenstein lauerten gar manchmal die Burgherren, ob nicht dem vorüberfahrenden Warenzug mit mehr oder weniger Gewalt eine kleine „Schröpfung“ angetan werden könnte.

Der Eisensegen des steirischen Wunderberges (Erzberg in Eisenerz) erstreckte sich im Laufe der Jahre nach und nach fast auf alle Orte und Täler im Umkreis von etwa hundert Kilometern, so dass selbst dort, wo aus einem Seitengraben der Eisenstraße ein Bächlein kam, das gestaut, zur Wasserkraft wurde, Eisenhämmer und Kleineisenindustrie sich entwickelte. So beispielsweise in Dambach, Trattenbach, Wendbach, Losenstein, Reichraming; Kastenreith, Kleinreifling, Innpach, Lainau und vielen anderen wo auch heute noch wie (in Trattenbach und Losenstein) gearbeitet wird oder die Reste der Eisenhämmer zu sehen sind. Die Blütezeit der Kleineisenindustrie in Steyr machte einen immer größeren Bestand an Bergknappen am Erzberg notwendig, welche aus der dortigen wenig fruchtbaren Gegend nicht ausreichend verpflegt werden konnten, so daß die Innerberger Gewerkschaft in Steyr die Verpflegung bestreiten musste. Dies bedingte die Erbauung des Schiff- oder Treppelweges (Weg zum ziehen von Schiffen flussaufwärts) längs der Enns durch den berühmten Tiroler Wasserbaumeister Martin Gastelger im Jahre 1572 von Steyr bis Großreifling, welcher streckenweise noch heute sichtbar ist und für die Pferde diente, welche die Lebensmittel mittels Schiffzuges ennsaufwärts beförderten.

So erfuhr die Eisenstraße neue Belebung; weiträumige Getreidespeicher wurden errichtet, wie in Steyr (Innerberger Staffel), Weyer, Großreifling, Hieflau und an der Eisenstraße entstanden als Übernachtungsstationen für die „Schiffknechte" große behäbige Einkehrgasthöfe mit weiten Stallungen und riesigen Pferdetränken, so in Ternberg, Losenstein, Großraming, im Moos bei Kleinreifling, Großreifling und Altenmarkt. Ein besonders interessanter Haltepunkt war der auch bautechnisch reizvolle, freskogeschmückte „Kasten“ in Kastenreith, von wo aus jeden Donnerstag das „Weyrer Schiff“, das auch Personen mitnahm, nach Steyr zum Wochenmarkt fuhr. Das leider verblasste Fresko zeigt den hl. Nikolaus, den Patron der Schiffer und eine alte Ansicht dieses Gebäudes mit dem „Weyrer Schiff". Es wäre wohl dringend zu wünschen, dass dieses Wahrzeichen einer eigenartigen Verkehrsepoche einer kunstgerechten Auffrischung unterzogen würde.
So dauerte durch drei Jahrhunderte, dieser dreifache Verkehr im Ennstal auf der Eisenstraße, durch die Flößerei und am Schiffweg. Als aber um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in Steyr die unzähligen Essen verglühten, da wurde es still in den einst so fröhlich, lauten Einkehrgasthöfen an der Eisenstraße; der Schiffszug verkehrte nicht mehr, der Treppelweg verfiel. Überdies hatten die Steyrer ihren großen Anteil am Erzberg bedauerlicherweise verkauft und die Alpine Montangesellschaft trat an ihre Stelle. Nicht allzulange aber dauerte die Ruhe auf der Eisenstraße, denn mit der Eröffnung der Bahnstrecke durch das Ennstal war auch die Steigerung des Fremdenverkehrs- und der Alpinistik verbunden.
Die Schönheit des Ennstales und seiner reizenden Orte lockte zu längerem Sommeraufenthalt, die Berge wurden bald das Ziel der Wanderer und Kletterer und mit dem Aufkommen des Wintersports, ein häufiges Ziel der Schifahrer. Wo einst die Saumpferde der Warenzüge klingelten oder die rauhen Schiffsknechte fluchten, da ertönte schließlich immer häufiger die Hupe des Autofahrers: Immer aber wird die Eisenstraße die Pulsader gewaltig ansteigenden Verkehrs bleiben und der Eingangsweg in zahllose Gebiete landschaftlicher Schönheit und Erhabenheit, reich an Naturdenkmälern und an steinernen Zeugen volkskundlich bedeutsamer Kulturepochen verklungener Zeiten.                                                                                                                                                 G.Goldbacher. 
 
Tabula Peutingeriana (Landkarte aus der Römerzeit)


Tabula Peutingeriana (Ausschnitt)

Eisenhämmer

Steyr
https://stodertalfreunde.blogspot.com/2015/06/hei-begehrte-sensen.html
https://stodertalfreunde.blogspot.com/2015/04/uralte-sensenerzeugung-in-roleithen.html

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen