Freitag, 20. November 2020

Peter Rosegger zu Besuch in Windischgarsten

Am 1. August 1912 saß auf einem Bankerl vor der Kalvarienbergkirche in Windischgarsten ein berühmter Dichter. Er war an die 70 Jahre alt, herrisch gekleidet und genoß die ruhige Mittagsstunde und den weiten Blick auf Windischgarsten. Im ganzen deutschen Sprachraum und weit darüber hinaus waren seine Werke bekannt, denn seine Bücher sind in viele Sprachen übersetzt worden. Der steirische Schriftsteller Peter Rosegger (geb. 1843, gest. 1918) war beim damaligen Bürgermeister von Windischgarsten, Franz Schröckenfux, zu Besuch um einige Tage Urlaub zu machen.

Man kann nur vermuten wie der Dichter aus Krieglach und der Bürgermeister aus Windischgarsten miteinander bekannt geworden sind. Vermutlich hat der Gewerke (Sensenfabrikant) Schröckenfux den Dichter einmal in seiner Heimat besucht, weil er nach Daten für seine Häuser und Sensenchronik gesucht hat. Die Mürztaler Sensenschmiede waren daher ein interessantes Gebiet zum Nachforschen für ihn. Bei dieser Gelegenheit dürfte Schröckenfux Peter Rosegger eingeladen haben. Es gefiel ihm in Windischgarsten sehr gut und er plante gleich im selben Jahr noch einmal zu kommen. Leider verhinderten seine Asthmaanfälle und seine Schlaflosigkeit einen weiteren Besuch.

Herr Schulrat Kusche, der in seinen „Leutgeschichten“ von diesem Besuch berichtete, besitzt sogar noch ein Schreiben von Rosegger an Schröckenfux in dem er von seiner Krankheit berichtet und versichert, sobald es ihm besser geht … Zitat aus dem Brief: “ So gute Tage, wie der erste August es war, sind selten. Indes, die Hoffnung aufs Besser werden verlässt den Menschen nie, vielleicht wird doch auch mein Traum von schönen Windischgarstner Tagen noch wahr!“

Über eine Prophezeiung von Peter Rosegger sollte man nachdenken: Je länger der sogenannte Volkswohlstand dauert, je häßlicher wird das Land. Die Wälder werden abgeholzt, die Berge aufgeschürft, die Bäche abgeleitet und verunreinigt. Die Wiesen werden mit Fabriken besetzt, die Lüfte mit Rauch erfüllt. Die Menschen unruhig, unzufrieden und heimatlos gemacht. Und so fort. Und alles des Geldes wegen.  

Damals konnte man Windischgarsten schon per Bahn erreichen. Der Dichter konnte gratis reisen, denn die k.k.Staatsbahnen hatten ihm 1889 eine Freikarte 1.Klasse verliehen. Rosegger fuhr sehr gerne mit der Bahn. Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, jede Strecke sobald sie eröffnet war, zu befahren und kennen zu lernen. Er war bald nach Eröffnung des Bosrucktunnels 1906 von Graz nach Linz gefahren. Nachstehend ein Link zu einem Bericht in dem er von dieser Fahrt berichtet.

https://stodertalfreunde.blogspot.com/2019/10/eine-eisenbahnfahrt-durch-den.html

Peter Rosegger


Freitag, 13. November 2020

Es soll nicht ungesühnt bleiben

Am 20. März 1946 berichtete die Zeitung "Neue Zeit" vom qualvollen Marsch von etwa 1500 Juden die von NS-Volkssturmleuten im April 1945 von der Steiermark kommend über den Pyhrnpass nach Oberösterreich getrieben wurden. Wenige Tage vor Ende des 2. Weltkrieges sollten sie in das Konzentrationslager Mauthausen gebracht werden. Viele davon mussten in den letzten Tagen des Krieges sterben.
Zum besseren Verstehen wurde der Artikel etwas gekürzt und geringfügig der heutigen Schreibweise angeglichen:






Im April 1945 wurden ungarische Juden zu Fuß über Spital am Pyhrn  gegen Linz getrieben, um in ein Sammellager nach Mauthausen zu kommen.
Dem Verhungern nahe, wankten die Unglücklichen dahin. Sie erhielten von der Bewachungsmannschaft weder Speisen noch Trank. Ihre einzige Nahrung waren einige rohe Kartoffeln. Wer am Weg vor Hunger und Schwäche zusammenbrach, wurde von der Wachmannschaft einfach erschossen und verscharrt. Einige dieser niedergeknallten Opfer wurden kürzlich aufgefunden und geborgen.
Der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde, Dr. Friedmann, ist bemüht, das Schicksal der aus dem Elendszug vom April 1945 Verschwundenen aufzuhellen.  In diesem Zusammenhang wurden zwischen Losenstein und Ternberg drei und bei Reichraming sechs erschossene bzw. erschlagene Juden ausgegraben. Zur Bergung der Leichen hatte man ehemalige bekannte Illegale, herbeigeholt. Unter der Aufsicht des seinerzeitigen Partisanenführers von Losenstein, Anton B. und im Beisein der Ortsgendarmen holten sie die Überreste der unglückseligen Opfer brauner Barbarei heraus, an denen der bei der Exhumierung anwesende Arzt 
Dr. Lederer in drei Fällen Verhungern als Todesursache feststellte. Man begnügt sich nicht damit, die Opfer zu bergen, sondern ging auch daran, die Schuldigen an deren schrecklichem Tod, der Sühne zuzuführen.
Am 13. März wurde bereits ein Teil der Personen, die damals als Begleitpersonen an dem Judentransport teilnahmen, durch die Gendarmerie verhaftet und dem Kreisgericht Steyr eingeliefert. Weitere Verhaftungen sollten bevorstehen.


Baronin Mary von Holzhausen, die in Klaus am Baderkogl wohnte, riskierte ihr Leben, indem sie den Häftlingen zu essen gab. Eine Gedenktafel erinnert daran.


In der Gemeindechronik von St. Pankraz wird über diesen Todesmarsch folgendes berichtet: “Am 17.4.1945 wurden durch St. Pankraz ca. 800 Juden getrieben, dabei wurden 3 wegen Marschunfähigkeit vom Transportführer erschossen und an Ort und Stelle verscharrt. Am 22. 5. 1945 wurden diese 3 Leichen wieder ausgegraben und im Ortsfriedhof zu St. Pankraz beigesetzt. Die hier erwähnten Morde fanden statt: Einer auf der Waldner Höhe, einer beim Krengraben (St. Pankraz) und einer hintern Gasteig (Steyrer Brücke). 1968 wurden alle Opfer exhumiert und vom Friedhof in St. Pankraz in die Gedenkstätte Mauthausen, Quarantänefriedhof, Feld 20 überführt“.

Zwei Frauen erinnern sich noch heute daran. So etwas ist nicht zu vergessen: „Häftlinge sind auf der Straße durchgetrieben worden wie bei einem Viehtrieb. Ich war damals als Dirn in der Landwirtschaft tätig. Ich bin an diesem Vormittag mit der Jause auf die neben der Straße liegende Wiese gegangen, einen Brotlaib unter dem Arm. Ein ganzer Schwung von Häftlingen ist mir entgegengelaufen. "Mensch verschwind sunst daschiaß i di, du Trampl", war die drohende Stimme des Wachtpostens. Ich habe ihnen den Brotlaib zugeworfen. Recht hast g´habt, hat später die Bäuerin zu mir gesagt.

Auch am Wohnhaus von Baronin Mary v. Holzhausen zog dieser Elendszug vorbei: Wie Schafe sind sie auf die Wiese gegangen und haben Gras gegessen. Als die Baronin einen Häfen Erdäpfel hinausstellte, entging sie nur mit Glück einer Verhaftung.

Wie es eine Eintragung in der Gendarmerie-Chronik bestätigt, war der Zug in St. Pankraz nur mehr 800 Personen stark. Handelte es sich tatsächlich um jenen Transport, der in Graz abgegangen war, so war er bis zur Landesgrenze auf 2/3 seiner ursprünglichen Größe, also um rund ein drittel reduziert worden, was soviel heißt, dass mehr als 400 Menschen ihr Leben lassen mussten.

Immer wieder hört man, dass beobachtet wurde, wie diese vor Hunger und Anstrengung völlig Entkräfteten und von ihren Bewachern Gepeinigten, Würmer und Schnecken sammelten und vom Straßenrand Gras abrissen. Dies wird auch von Klaus von mehreren Augenzeugen übereinstimmend berichtet. So auch eine damals 22jährige Frau: „Als ich beim Fleischhauer unter dem Schloss, nahe der ehemaligen Schlosstaverne ging, kam ein ganzer Zug elendiger, verhungerter und gänzlich ermatteter Juden daher. Da ich neben der Straße ging, konnte ich alles aus nächster Nähe betrachten. Die Begleiter hatten Schlagstöcke und Gewehre. Sie sind dann hingetrieben worden bis zum Schinagl, sie kamen ja über den Pyhrn. Da war eine große Wiese beim Grübmerhof, dorthin trieb man sie. Dort mussten sie einen Draht herumziehen, dass keiner entweichen konnte. Man kochte ihnen heißes Wasser und goss es in ihr Geschirr. Das Ärgste kommt aber noch. Als sie wieder weggetrieben wurden, war kein Gras mehr auf der Wiese. Es war ca. 10cm hoch gewesen. Sie haben es gegessen.

Freitag, 6. November 2020

Prominente Persönlichkeiten im Stodertal

Gerne waren prominente Persönlichkeiten in Hinterstoder und dem Stodertal. Manche verbrachten hier regelmäßig ihren Urlaub, manche hatten hier einen zweiten Wohnsitz und manche wohnten ständig hier. Zu Allerseelen soll an diese Freunde des Stodertales gedacht werden.



Hilde Zadek (geb. 1917, gest. 2019) Opern-, Konzertsängerin und Gesangspädagogin besaß mehr als vierzig Jahre lang ein Ferienhaus in Hinterstoder.



Ernst Koref, (geb. 1891, gest. 1988) der langjährige Bürgermeister von Linz (1945 bis 1962) der in der Nachkriegszeit sehr viel für unser Land getan hat, verbrachte oft mit seiner Familie den Urlaub in Hinterstoder.




Peter Alexander (geb. 1926, gest. 2011) Sänger, Schauspieler, Entertainer, erholte sich gerne mit seiner Familie im Haus "Prielkreuz" bei Frau Muck.

  


Herbert Boeckl, auf dem Bild mit Studenten, (geb. 1894, gest. 1966) war ein bedeutender Maler und gilt als Vertreter der österreichischen Moderne. Er war gerne Gast in Hinterstoder.


Maxi Böhm (geb. 1916, gest. 1982) Schauspieler und Kabarettist verbrachte hier seinen Urlaub mit Familie.

Oskar Pollak (geb. 1895, gest. 1963) war von 1931 bis 1934 und von 1945 bis 1961 Chefredakteur der Arbeiterzeitung. 

Oskar Just (geb. 1895, gest. 1964) hatte in Hinterstoder seinen Wohnsitz. Er porträtierte in Skandinavien Präsidenten und Minister.



Walter Just (geb. 1921, gest. 2012) war Unternehmer und baute die Firma TRODAT zum Weltmarktführer aus. Den Koglhof in Hinterstoder, den einst der Schöpfer des Schiederweihers besaß, erwarb er als Zweitwohnsitz.

Heribert Sasse (geb. 1945, gest. 2016) war Schauspieler, Regisseur und Theaterintendant. Er war schon als Kind mit seinen Eltern auf Urlaub hier. Seit vielen Jahren wohnte er ständig in Hinterstoder. 

 
 

Freitag, 30. Oktober 2020

Stodertaler "Riesenbauer" als Gastarbeiter in der Türkei

Auf unseren entlegenen, bewaldeten Bergen wuchsen bis zum Ende des
19. Jahrhunderts Urwälder die nicht geschlägert wurden, weil das Holz nicht zu Tal gebracht werden konnte. Um das Holz nützen zu können, begann man Riesen zu bauen, auf denen Holzknechte die Baumstämme im Winter zu Tal gleiten lassen konnten. Diese Riesen überquerten manchmal Täler und Flüsse und mussten deshalb sehr stabil sein. Dabei hatten sich die  Spezialisten aus unserer Gegend, die Riesen bauen konnten, einen so guten Ruf erworben, dass sie bis in die Türkei geholt wurden, um dort zu zeigen wie Riesen zu bauen sind.
Herr Schulrat Rudolf Kusche aus Windischgarsten berichtet davon in seiner Broschüre „Leutgeschichten“ und davon erzählt dieser Beitrag. 

In der Weltwirtschaftskrise 1927, in der bei uns kaum Arbeit zu bekommen war,  stießen Arbeitssuchende aus unserer Gegend auf ein Inserat, in dem Holzriesenbauer für die Türkei gesucht wurden. Die Reise unerfahrenen Holzknechte, für die Kirchdorf schon weit weg war überlegten, wie man zu dieser Arbeit kommen könnte.
Hat nicht der Notar Hornbostl, fragte sich ein Bewerber, einen Bruder der Österreichischer Konsul in der Türkei ist? Über den nahmen fünf arbeitssuchende Männer Verbindung mit der türkischen Gesellschaft auf. Sie bekamen als Reisegeld jeder 40 Dollar zugeschickt und packten ihr Riesenbauerwerkzeug zusammen. Das waren die schmale Lochhacke, die breite Rieshacke, die Asthacke, den Sappel und die Fußeisen. So beladen fuhren sie nach Wien und lösten je vier Visa, ein ungarisches, jugoslawisches, bulgarisches und ein türkisches Visum. Ein D-Zug brachte sie in zwei Tagen, zwei Nächten und zwei Stunden nach Konstantinopel (heute Istanbul).
In der Türkei regierte damals Kemal Atatürk, das heißt "Vater der Türken". Atatürk bemühte sich aus der Türkei ein europäisches Land zu machen.
Fünf Tage hatten die Riesenbauer Zeit sich Istanbul anzuschauen. Dann fuhren sie mit einem Dampfer durch den Bosporus, hinaus in das Schwarze Meer und die Nordküste von Kleinasien entlang. Niemand von ihnen wusste wo ihr Arbeitsplatz lag und mit niemand konnten sie sich verständigen. In der Küstenstadt Sinop, in der sie aussteigen sollten, fanden sie einen Kaufmann der Deutsch konnte und ihnen weiterhalf. Er sagte ihnen, sie sollen ein paar Tage warten, dann kommt ein Motorboot und holt sie ab. Mit diesem Boot kamen sie dann endlich an ihrem Bestimmungsort an. Er hieß Ajantschuk und liegt westlich von Sinop.

Als sie dort ankamen redete sie gleich jemand an: “Seid ihr die Riesenbauer“? Er führte sie in den Hotelgarten des Ortes. Dort saß der Direktor der Firma und besprach mit ihnen die weiteren Schritte. Von diesem Küstenort führte sie am nächsten Tag eine Bahn landeinwärts bis an die Endstation. Zu Fuß ging es bergauf bis 1500 m über dem Meer. Das Gebirge heißt „das Pontische Gebirge“ und ist bis 2000m hoch.

Der Wald, meist Tannen, Föhren und Buchen, aber keine Fichten, reicht bis an den Gipfel des Berges. Der Wald war unberührter Urwald. Es standen Tannen, die waren 50m hoch und hatten in einer Höhe von 35m noch einen halben Meter Durchmesser. Niemand konnte den Wald nützen, weil das Holz nicht geliefert werden konnte. Es gab in dieser Gegend weder Straße noch Bahn. Unsere Riesenbauer hatten die Aufgabe, aus dieser Höhe von 1500m, Riesen hinunter bis zu einer Bahn zu bauen, damit die Stämme mit der Bahn bis zum Meer transportiert werden konnten. Sie zimmerten sich zunächst eine alpenländische Holzknechthütte und aßen Sterz, Teigspatzen und Germnudeln wie in der Heimat. Sie tranken zur Arbeit Wasser, Milch und Joghurt. Fleisch war rar, weil es die Hitze nicht überstanden hätte. Im Sommer war es sehr heiß, aber ohne Thermometer konnten sie nicht sagen wie heiß es war. Die Nächte waren sehr kühl und es regnete wenig. Im Winter hatten sie in 1500m Seehöhe Schnee. Die Türken selbst aßen Fleisch nur an ihren Festtagen. Sie hatten magere Rinder, Schafe und Ziegen.
Brot aßen unsere Landsleute das gleiche wie die Türken. Sie buken den Teig aus Polenta und Weizenschrot auf heißen Steinplatten. Brot, Zwiebel und Joghurt war die Hauptnahrung der Bauern. Da die Türken die Holzarbeit, so wie bei uns, nicht kannten, wurden auch die Rufe der Holzknechte in das Türkische übersetzt. Unsere Riesenbauer versuchten türkisch zu lernen und manchen gelang es sehr gut. Franz Redtenbacher, einer der Riesenbauer sprach türkisch bald so gut, dass ihn die Firma vom Riesenbau abzog und als Dolmetscher auf Baustellen einsetzte.
Inzwischen waren aus Österreich 15 weitere Riesenbauer, die meisten aus dem Bezirk Kirchdorf, nachgekommen und als Partieführer eingesetzt worden. Franz Redtenbacher hatte als Dolmetscher viel zu tun. Er vermittelte wenn die Einheimischen eigenmächtig die Partie (ihre Arbeitsgruppe) wechselten, wenn es sie in das ein paar Tagesmärsche entfernte Dorf heimzog oder sie sich einfach zu einem Schläfchen in die Büsche schlugen.

Aber nach zwei Jahren zog es unsere Riesenbauer zurück in die Heimat. Sie hatten in der Türkei im Tag etwa 15 österreichische Schillinge verdient. Das war dreimal ein österreichischer Tageslohn. Ein türkischer Arbeiter verdiente
3 Schilling am Tag. Sie waren ja auch als Facharbeiter in die Türkei gerufen worden und das ist der Unterschied zwischen einem österreichischen Gastarbeiter in der Türkei und einem Türkischen, der heute nach Österreich kommt.
                                                                                                







In der Gegend von Sinop arbeiteten unsere Riesenbauer

Freitag, 23. Oktober 2020

Josef Werndl - Fabrikant und Arbeitgeber für die ganze Region

Für das Stodertal und überhaupt für das ganze Pyhrn/Prielgebiet war die Waffenfabrik Josef Werndls in Steyr vor rund 150 Jahren ein wichtiger Arbeitgeber. Viele Stodertaler gingen unter der Woche in Steyr zur Arbeit und kamen nur am Wochenende heim. Oft versorgten ihre Frauen die Kinder, eine kleine Landwirtschaft und manchmal auch noch die Großeltern ganz alleine.
In der Waffenfabrik wurden riesige Mengen an Holz gebraucht, die hauptsächlich die Stodertaler Bauern lieferten und für die das natürlich ein wichtiges Einkommen war.

Eine Arbeitsgemeinschaft Steyrer Lehrer hat die Entstehung und den Werdegang von Josef Werndls Unternehmen aufgezeichnet. 

1831 - wurde Josef Werndl in Steyr geboren. Er starb 1889 in Steyr.
1855 - übernimmt er von seinem Vater Leopold Werndl dessen veralteten Betrieb             und konstruierte mit seinem Meister Holub ein Hinterladergewehr. Das                 Gewehr wurde maschinell hergestellt und in die ganze Welt exportiert.
1866 - Elektrische Geräte und Maschinen wurden in das Programm aufgenommen.
1869 - wurde die Firma eine Aktiengesellschaft mit dem Namen “Österreichische              Waffenfabriks-AG“
1874 - feierte die Firma den 10jährigen Bestand mit 4500 Beschäftigten.
1884 - Besuch von Kaiser Franz Josef I anlässlich der Industrieausstellung in                  Steyr. Durch die Herstellung von Bogenlampen und wasserbetriebener                  Dynamos konnte die erste elektrische Beleuchtung am Kontinent gezeigt              werden. Der Betrieb zählte zu dieser Zeit bereits 9000 Beschäftigte.
1886 - Einführung des Jagdgewehrs „Steyr-Mannlicher/Schönauer“. Benannt nach den Konstrukteuren des Gewehrs.
1889 - 29. April plötzlicher Tod Josef Werndls. Damals beschäftigte die Firma bereits ca. 10.000 Mitarbeiter.
1894 - Enthüllung des Werndl-Denkmals mit Figuren von Viktor Tilgner auf der Handel–Mazzetti-Promenade. 
1903 - Während in Steyr „Mannlicher-Schönauer Jagdgewehre hergestellt 
urden,             fertigte in Graz Johann Puch Fahrräder und konstruierte 1906 versuchsweise ein Auto.       
1918 - nach dem verlorenen 1. Weltkrieg durften keine Waffen mehr erzeugt werden und deshalb wurde die Waffenfabriks AG 1926 in die Steyrerwerke AG umgewandelt und es wurden Autos gebaut. 
1934 - Fusion der Steyrerwerke AG mit Austro-Steyr-Daimler-Puch AG. Daimler in Wr. Neustadt wird still gelegt und in Steyr werden Autos erzeugt. In Graz Fahrräder.
1939 - Umstellung auf Rüstungsaufträge (Waffen und Heeresfahrzeuge).
1941 - Bau des Rüstungswerkes Graz Thondorf
1946 - nach Kriegsende Herstellung des 3t-LKWs.
1947 - Aufnahme der Traktorenproduktion nach dem 2. Weltkrieg. 1915 wurde bereits der erste Traktor in Steyr gebaut.
1948 - Produktion der ersten Diesel LKWs.
1959 - Ankauf der Saurer Werke AG
1964 - 100 Jahr Feier der Steyr-Werke gemessen an der Eintragung der Werndl Fabrik in das Handelsregister.


Der Fabrikant Josef Werndl war aber auch ein großzügiger stets zu Scherzen aufgelegter Mensch, den seine Arbeiter und Angestellten wirklich mochten.
Auch seine Freunde am Stammtisch schätzten ihn sehr, wie diese Anekdote aus der "Presse" zeigt.

Ein kleiner Eisenbahnbeamter aus der Stadt Steyr genoss, wegen seiner freundlichen Art das Vergnügen und die Ehre, jener Tischgesellschaft zugezogen zu werden, in welcher Josef Werndl in großzügiger Weise dafür sorgte, dass der gute Spaß nicht ausgeht.
Der kleine Eisenbahnbeamte hatte einen struppigen roten Vollbart und war auf diese Zier nicht wenig stolz. Da fiel es Herrn Werndl einmal ein, den Roten zu fragen, ob er ihm wohl die Hälfte seines Bartes verkaufen würde? Die Anderen von der Tafelrunde redeten dem nicht eben glänzend situierten Eisenbahnbeamten zu, mit dem reichen Werndl doch das Geschäft zu machen. Es wachse ein ganzer Bart nach, erst ein halber! Der bereits etwas beduselte Beamte murrte, er gebe in Gottes Namen den ganzen Bart her, wenn ihn der Herr Wemdl gut bezahle, aber doch nicht eine solche Menschenschändung. Ein halber Bart! Herr Werndl jedoch erklärte mit sehr ernster Miene, dass er den halben Bart haben wolle, oder nichts; er sei gern bereit dreihundert Gulden (3000 €) dafür zu geben, die andere Hälfte des Rotbartes aber müsse auf dem Gesicht des Beamten stehen bleiben, bis Herr Werndl gelegentlich auch für diese Partie Verwendung finde.
Dem nachgrübelnden Eisenbahnbeamten wurde wacker zugetrunken. Dreihundert Gulden sind kein Pappenstiel. Soviel Geld auf einmal hatte er noch nie besessen und als Werndl bald darauf drei knisternde Hunderter aus der Brieftasche zog und auf den Tisch legte, mit der Frage „Also wollen's, oder wollen's nicht?" Da schrie der außer Rand und Band gebrachte Rotbart, mit der Faust auf den Tisch schlagend: „Topp! Her mit dem Geld"! Sofort musste der Wirt in später Mitternachsstunde, Seife und Messer herbeischaffen und ein des Rasierens kundiger Herr aus der Gesellschaft setzte das Opferlamm auf einen Stuhl, hing ihm eine Speiseserviette um und fegte ihm kunstgerecht von einem Ohr bis zur Kieferhälfte den Bart weg. Der Rote sah dann aus wie ein geschundener Raubritter und zechte sich zu seinem halben Bart einen ganzen Extrarausch an und sang zehnmal von des Tisches Höhe, in allen Tonarten die verschiedensten Schlager...

Am nächsten Vormittag — der Halbrasierte schnarchte noch — kam ein Diener Werndls mit weiteren 300 Gulden und berichtete dem fürchterlich komisch aussehenden verkaterten Mann, sein Herr erbitte sich dringend jetzt auch die zweite Hälfte des Bartes. Er habe zu diesem Zwecke gleich einen Barbier mitgeschickt. Jetzt erst griff der Mann mit entsetzensgemischter Freude an sein Gesicht und sang dann, mit 600 Gulden in der Tasche, ein lautes Hallelujah. Der ganze Neck war von dem großmütigen Werndl nur deshalb angestellt worden, weil er wusste, dass der rote Eisenbahnbeamte verschuldet sei. Er wollte ihm aus der Klemme helfen, ohne ihm das Geld geradewegs zu schenken. Er kaufte ihm das Einzige ab, was der Arme noch zu verkaufen hatte, den Bart; nach solchen Dingen konnte es freilich nur dem steinreichen und seelenguten Werndl gelüsten.

Allerdings war Werndl auch ein beinharter Geschäftsmann. 
Der steigende Bedarf an Holzkohle wird aus einem Schreiben vom Jahre 1883 ersichtlich, in dem der Rechtsanwalt Dr. Julius Seidl des Fabrikanten Werndl, die Gemeinde Hinterstoder bat, den Bau von 8 Kohlenmeilern für den Betrieb eines neuen Walzwerkes in Steyr zu unterstützen. Der Fabrikant Werndl bekam von der Stadtverwaltung Steyr nicht die Erlaubnis zum Bau der Meiler, da befürchtet wurde, dass die ausströmenden Dämpfe die Stadt in Gefahr bringen würden. Nun sollten die Gemeinden Hinterstoder, wie auch Vorderstoder und St.Pankraz, die Interessen der Waldbesitzer vertreten, die damals größtenteils an Werndl verkauften und den Bau der Meiler in Steyr durch Vorsprachen und Eingaben bei den zuständigen Behörden unterstützen. Werndl wollte dafür statt damals 4 Meiler mehr als 20 in Betrieb nehmen und das notwendige Holz im Stodertal einkaufen. Sollte ihm aber die Betriebsbewilligung für die Meiler nicht erteilt werden, würde er überhaupt kein Holz mehr aus dieser Region kaufen, ließ er mitteilen.

Josef Werndl





Denkmal auf der
Handel–Mazzetti-Promenade


Freitag, 16. Oktober 2020

Geschichte der Goldhaube

Was wären Feste und Feierlichkeiten in Oberösterreich, wenn es die Damen mit den prächtigen Goldhauben und dazu gehörigen Kleidern nicht gäbe? Sie sind der Glanz bei allen Umzügen und Prozessionen.

Wie es zu diesem wunderbaren Brauch gekommen ist, zeigt die Geschichte der Goldhauben, Kopftuch- und Hutgruppen Oberösterreichs.

Vorläufer von Kopfbedeckungen aus Goldgewebe wurden schon in Gräbern aus dem Mittelalter (Villach-Judendorf, 13. Jahrhundert) gefunden.

Heute denkt man dabei vor allem an die Festtracht der Frauen in Oberösterreich. Im Verlauf des 18. und frühen 19. Jahrhunderts entwickelten sich die weichen Stoffhauben, die wegen ihrer reichen goldenen Stickverzierungen Goldhauben genannt wurden. Zunächst wurden die Seitenteile der Haube nach hinten gezogen und der Boden oder Böndel zum Knauf geknotet, und so entstand schließlich die Goldhaube in ihrer heutigen Form.
Die Linzer Goldhaube wird erstmals 1782 erwähnt.
Schon um 1760 wurde in bürgerlichen Kreisen die Böndel- oder Bodenhaube getragen, die der heutigen Mädchen- und Bürgerhaube glich.
Die Herstellung einer Goldhaube ist teuer und arbeitsaufwändig, es braucht bis 300 Arbeitsstunden. Auf einem ca. 16 x 116 cm langen Goldstoffband werden vergoldete Kupferplättchen, Flitter, Folien und Goldperlen gestickt. Das Muster obliegt der Stickerin.
1985 stellte die Trachtenexpertin Gexi Tostmann fest: "Ein wahres Goldhaubenfieber hat die Oberösterreicherinnen erfasst. Sie sticken wunderschöne Goldhauben, nähen herrliche Bürgerkleider und nützen jede Gelegenheit, ihre Schätze zu zeigen."
Derzeit gibt es in Oberösterreich fast 18.000, in Vereinen organisierte Trägerinnen, die Kontakte zu Trachtenvereinen, Hutgruppen, Blasmusikkapellen und anderen Vereinen pflegen und karitativ tätig sind. Ihre Aktivitäten sind geprägt von den kirchlichen Festen, wie Fronleichnamsprozession, Erntedankfest, Jubelhochzeiten oder Kräuterweihe (15. August). 
Die Herstellung und Verwendung der Linzer Goldhaube wurden 2016 in der Kategorie "Gesellschaftliche Praktiken, Rituale und Feste, Traditionelle Handwerkstechniken" in die UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen.

Rasch wurde die Goldhaube eine beliebte Kopfbedeckung, sodass Mitte des 19. Jahrhunderts sogar eine eigene handwerkliche Industrie damit beschäftigt war, das Material für die „güldenen Haubm“ herzustellen.
Neben Goldhauben sind auch die schwarzen Perlhauben sehr beliebt. Fälschlicherweise werden sie oft als Witwenhauben bezeichnet. Gründe für die Beliebtheit dieser Hauben waren vor allem praktischer Natur, denn sie sind kostengünstiger und wiegen weniger.
Das Kopftuch wurde seit Beginn des 20. Jahrhunderts von Bäuerinnen zum Kirchgang getragen und erfreut sich gerade heute auch bei jungen Frauen großer Beliebtheit. Allein in Oberösterreich gibt es 40 verschiedene Bindearten des Kopftuches.
Einheitlich war den Trägerinnen der verschiedenen Hauben und Kopftücher der Familienstand: Nur verheiratete Frauen trugen eine Kopfbedeckung - daher kommt auch der Ausspruch “unter die Haube kommen“.

Das Goldhaubenkleid

Zur Goldhaube wird ein bodenlanges Seidenkleid getragen, das es in vielen verschiedenen, unterschiedlichen Macharten gibt. Nach wie vor großer Beliebtheit erfreut sich das Linzer Goldhaubenkleid mit seinen Säumchen. Es ist der Kreativität der Trägerin überlassen, durch Perlstickereien, Spitzeneinsätze, Smokarbeiten, Spitzenkrägen und dergleichen dem Festkleid den nötigen Aufputz zu geben. Zweifelsohne ist ein Goldhaubenkleid die kostbarste Festtracht im Land.


                                      Stodertaler Goldhauben im 20. und 21. Jahrhundert