Freitag, 24. März 2017

1938 war der Anschluß Österreichs an Deutschland

Eine ehemalige Volksschülerin aus Hinterstoder erzählt aus ihrer Erinnerung:
"Unterernährte und arme Kinder wurden verschickt. Ich war dabei und kam nach Barsinghausen bei Hannover. Ich war 9 Jahre alt und furchtbar aufgeregt. Jeder Regenwurm hat mehr von der Welt gesehen als ich zur damaligen Zeit. Schweren Herzens ließ mich Mutter nach Deutschland ziehen.
Meine Zöpfe wurden zu Affenschaukeln geflochten, dazu trug ich ein rosa Kleid und selbst gestrickte Stutzen mit Zopfmuster. Auf der Brust hing ein Schild wie eine Hundemarke mit meinem Namen. Mit dem Rucksack auf dem Rücken machten wir uns auf den Weg zum Autobus, der uns zum Bahnhof brachte. Ich stand die ganze Zeit im Zug am Fenster und sah mir die vorbeiziehende Gegend an. Ich konnte mich nicht satt sehen an der fremden Welt. Als ein glühender Kohlenfunke in mein Auge flog minderte das meine Schaulust. Mein rosa Kleid war ganz schwarz vom Kohlendreck als wir in Hannover ankamen. Wir kamen in eine große Halle, die mit Hakenkreuzfahnen geschmückt war. In einer Reihe aufgestellt wurden wir von den Pflegeeltern ausgesucht. Ich hatte große Angst als ein dürrer Mann mit abstehenden Ohren auf mich zukam. Er sah aus wie der Teufel, nur ohne Pferdefuß. Die Familie Horstmann (Name geändert) sprach hochdeutsch und die bei ihnen wohnende Tante plattdeutsch. Wenn die Tante, die in einem Rollstuhl saß sprach, verstand ich überhaupt nichts. Herr Horstmann war Geschäftsmann und Handelsvertreter mit einer Import- und Exportfirma. Tief im Inneren des Landes hatten sie große Felder und Lagerhallen mit landwirtschaftlichen Produkten. Die Tochter hieß Inge und schlief schon als wir ankamen. Sie hatte ein eigenes Kinderzimmer. Am nächsten Tag wurde mir alles gezeigt. Neben Inges Zimmer war mein Schlafzimmer. Das war aber nicht so komfortabel wie Inges Zimmer. Mir machte das nichts aus, denn Komfort war ich nicht gewöhnt. An der Wand hing ein Bild mit einem Spruch: "Wer leben will der kämpfe also, und wer nicht streiten will in dieser Welt des ewigen Ringens, verdient das Leben nicht". Adolf Hitler
Inge hatte viele wunderschöne Puppen in allen Größen. Natürlich gab es auch viele Puppenkleider und einen Puppenwagen.
Bei Tisch mußte ich in aufrechter Haltung sitzen und die Portionen mussten aufgegessen werden. Eselwurst kannte ich nicht und mußte mich übergeben. Ich mochte auch keine eingelegten Heringe und gekochten Schinken. Wenn keiner zusah ließ ich alles unter dem Teppich verschwinden. Morgens hat die Putzfrau das Malheur gefunden aber sie hat mich nie verraten. Ich tat ihr leid weil ich so schwächlich und ängstlich war. Von Herrn Horstmann musste ich mir sagen lassen, dass es mir an Manieren mangelt, besonders beim Essen. So fein mit Messer und Gabel zu essen war ich nicht gewöhnt. Auch bei der Morgentoilette gab es Ärger. Ich wollte mich nicht nackt ausziehen, obwohl es schön warm war im Bad. Ich schämte mich vor Inge, die mich verspottete. Sie war eifersüchtig auf mich weil mich die Tante schützte. Inge zwickte mich als ich nackt dastand in den frisch geimpften Pocken-Oberarm. Es spritzte eine wässerige Flüssigkeit heraus und ich bekam große Narben die nie mehr weggingen. Das Heimweh packte mich. Ich weinte und wollte nach Hause. Obwohl es mir an nichts fehlte vermisste ich mein vertrautes Heimathaus und meine Lieben zu Hause. Am schlimmsten war die Sehnsucht nach meiner Mutter mit ihrer gütigen Stimme. Sie hatte nie etwas auszusetzen an mir. Den ganzen Tag hatte ich nur einen Gedanken, nach Hause. Ich mußte lernen nach der Schrift zu sprechen, aber ich kam immer wieder in meinen österreichischen Dialekt hinein.
Ein schöner Tag war wenn ich von zu Hause einen Brief bekam. Vor Aufregung wurde es mir ganz schwarz vor den Augen. Beim Antwortbrief musste ich immer zum Schluss "Heil Hitler" schreiben.
Einmal hatten wir Gäste aus Norderney, von dort wo die Familie in den Ferien Urlaub machte. Auch Toni von der Landverschickung wurde zu meiner Aufmunterung  zum Essen eingeladen. Er war aus dem Mühlviertel und schlang das Essen voller Gier hinein. Herr Horstmann sagte : "Man isst nicht wie ein Ferkel!" Toni schaute ihn erstaunt an. Herr Horstmann fragte: "Weißt Du denn nicht was ein Ferkel ist?" "Ja", antwortete Toni, "ein Ferkel ist ein Kind vom alten Schwein".
Langsam gewöhnte ich mich ein und nahm zu. Ich wurde zusehends dicker und war nun keine "Schmalgeiß" mehr, wie meine Mutter immer sagte. Oft wurden mir neue Kleider gekauft. Frau Horstmann hatte ein Textilgeschäft. An ein Kleid kann ich mich besonders gut erinnern. Es war rot und auf dem Stoff waren kleine Sträußchen mit Enzian und Edelweiß eingedruckt.
Eines Tages machten wir einen Ausflug nach Hannover in das Schloß Herrenhausen und in den Zoo. Die Fahrt ging durch das Deistergebirge und durch einen grünen Buchenwald. Die Ziegen und Steinböcke im Zoo erinnerten mich an meine Heimat. Ich fing bitterlich zu weinen an. Herr Horstmann kaufte mir ein Babyflascherl mit Schnuller für die Puppen zu Hause.
Wie ein geölter Blitz schoss ein Ziegenbock auf mich zu und zog den Schnuller von der Flasche ab. Bei der Fütterung auf dem Geflügelhof sah ich zum ersten Mal wie ein Pfau ein Rad schlägt. Das hat mich ungemein fasziniert und brachte mich auf andere Gedanken. Nach 6 Wochen war es so weit und wir durften wieder nach Hause. Der Rucksack war vollgestopft mit Geschenken. Auch das Essbesteck bekam ich zum Andenken mit.

Als ich zu Hause ankam, wurde ich angestarrt wie ein Geist, denn ich habe jetzt nach der Schrift gesprochen. Bei meinen Schulfreunden bin ich in der Achtung gestiegen und ich mußte immer wieder erzählen wie es mir gegangen ist. Dass ich soviel Heimweh gehabt habe, das habe ich nicht erzählt". 


Freitag, 17. März 2017

Zu Hause ankommen

Diesen Artikel, aus der Serie "Hinterstoder Freiwillig" der Journalistin Marlis Stubenvoll hat Julia Körber von der Gemeinde Hinterstoder zur Verfügung gestellt.

Marlis Stubenvoll ist Journalistin und studiert nach Studienaufenthalten in Finland und Dänemark zur Zeit im Master "Journalism, Media and Globalisation" in Amsterdam. In den Ferien zieht es sie immer wieder zurück in ihren Heimatort Hinterstoder. Die Artikelserie  "Hinterstoder Freiwillig" aus der dieser Artikel stammt, entstand 2016 und wurde finanziert aus den Mitteln des Zukunftentwicklungs - Prozesses Agenda 21 des Landes Oberösterreich. 

Zu Hause ankommen: Afghanische Flüchtlinge in Hinterstoder: 
Heute steht der Schuh im Mittelpunkt. Die Pensionistin Eveline Velek, der Viertklässler Farzin und seine Mutter Razia Sharifi fahren im Auto die kurvige Straße nach Windischgarsten zu einem Termin beim Orthopädie-Schuhtechniker. Während Eveline lebhaft erzählt, sitzt der Junge aufmerksam am Rücksitz. Er versteht Deutsch, spricht es aber nur im Flüsterton und mit einem schüchternen Lächeln. Aber als das Gespräch auf Hunde fällt, blitzen seine Augen aus dem runden Lausbubengesicht.

„Ihr habt das gute Wetter mitgebracht“, scherzt der Schuhtechniker in der Praxis, bevor er die blauen Einlagen hervorzieht. Tatsächlich ist heute der erste warme Sommertag. Die Region präsentiert sich ganz anders als am 15. Dezember, als Farzin, sein Bruder Fardin und seine Eltern das erste Mal Fuß in ihre Flüchtlingsunterkunft in Hinterstoder setzten. Es war Nacht und die Temperaturanzeige stand auf minus 15°C. Nur in Ballerinas und ohne Strümpfe war seine Mutter angekommen. Die gleichen Schuhe trägt sie auch heute.

Zwölf Flüchtlinge leben momentan in der Unterkunft. Eveline Velek ist ihre Nachbarin, aber sie ist noch viel mehr. Die Hausbesitzer, ihre Freunde, baten sie um den Gefallen hie und da nach dem Haus und seinen neuen Bewohnern zu sehen. „Kümmer dich ein bissl, haben sie gesagt – und aus dem bissl Kümmern ist dann viel Kümmern geworden“, sagt Velek und schickt ein herzliches Lachen nach. Die ehemalige Finanzbeamtin aus Niederösterreich sieht mehrmals die Woche nach dem Rechten, hilft beim Einkauf oder macht wichtige Fahrten. Damit unterstützt sie ehrenamtlich die Arbeit der Caritas.

„Wussten Sie, dass unsere Asylwerber Eveline auch ‚Eveline Mama’ nennen?“, erzählt Ursula Postlmayr von der Caritas, die sich beruflich um die meisten organisatorischen und bürokratischen Belange der Flüchtlinge kümmert. Aber Velek ist nicht allein – zufrieden erwähnt Postlmayr die vielen helfenden Hände in Hinterstoder. Einige Stoderer halten einen Sprachkurs, andere treiben wichtige Gegenstände auf, erledigen Fahrten oder sind einfach da, um die leere Zeit des Wartens zu verkürzen. Manchmal kommt auch eine Nachbarin vorbei und bringt selbstgekochte Marmelade. Heute genügt ein Anruf von Velek an Paula Lang vom Sozialen Hilfsdienst, um passende Schuhe zu den Einlagen zu besorgen.

Das Geben geht aber in beide Richtungen. Wir kommen über die Schotterstraße zurück zum Haus. Eveline zeigt auf die Schlaglöcher, welche die Asylwerber ausgebessert haben. Auch beim Skiweltcup übernahmen sie Aufgaben: Sie verlegten Böden oder sammelten Müll ein. Vieles, das in der Kneipp-Anlage blüht, wird auch von ihren Händen gepflegt. Und bei zwei Festen präsentierten sie schon den Stoderern – nicht ohne Stolz und mit Erfolg – die afghanische Küche auf reich beladenen Tischen.

Nach dem erfolgreichen Ausflug nach Windischgarsten sitzen wir noch in einer Runde zusammen. Wir befinden uns im angenehm kühlen Wohnzimmer. Der Kachelofen bleibt kalt, Schwarztee und Gebäck stehen für uns Gäste am Tisch. Farzins Vater rückt draußen die Tomatenstauden in die Sonne – ein Geschenk von Frau Eveline Mucha, die auch regelmäßig im Haus zu Besuch ist. Eveline Mama plaudert entspannt. An den Wänden kleben Zettel, die Alltagsgegenstände beschriften. Lampe. Kachelofen. Neben einem Lebkuchen-Anhänger: Herz.

Das Haus strahlt eine Wärme aus, die mit den Bewohnern und Nachbarn gleich viel zu tun hat. Wenn es eine Überschrift hätte, wie all die Gegenstände, dann würde hier stehen: Gastfreundschaft.


Eveline Velek hieß vom ersten Tag an die Flüchtlingsfamilien
 in Hinterstoder als neue Nachbarn Willkommen.



Afghanischer Abend bei Monika und Kurt Aufner im Prielergut


Die Köchinnen der wunderbaren Afghanischen Speisen mit Monika Aufner

Freitag, 10. März 2017

Laus um Laus

Erinnerungen einer Volksschülerin aus den 1930er Jahren

"Als ich in die Volksschule Hinterstoder ging, das war in den 1930er Jahren, gab es außer Seife für uns keine Hygieneartikel.
Unsere ständigen Begleiter waren die Kopfläuse. Meine Nachbarin hatte dicke, flachsblonde Zöpfe, die bis zur Taille reichten. Eines Tages haben wir etwas geschrieben und es war mucksmäuschenstill in der Klasse. Plötzlich flog etwas auf das Heft meiner Nachbarin. Auf das Papier klatschte eine dicke, fette Laus. Die langen Zöpfe, die uns Mädchen bis zum Popo hingen waren für Läuse ein ideales Quartier. Damals gab es für Mädchen noch keine kurzen Haare. Die Bubikopffrisur kam erst in den 1950er Jahren zu uns.
Vor mir saß die Gusti, bei der auch die Läuse auf und ab krabbelten. Das schreckte mich sehr, weil ich auch fürchtete Läuse zu bekommen.
Ich war in der Schule sehr gut und deshalb war ich für die Buben bei den Lehrern ein "Gutsteherl" (Liebling des Lehrers). Ich bin von den Lehrern oft gelobt worden.
Aber das zahlten mir die Buben heim. In der Pause sagte einer zu mir:" Du bei dir steigt eine Laus". Ich schämte mich zu Tode und versprach ihm, wenn er mich nicht "verschiergerlt" (verrät) mein Messer zu schenken. Das Messer war etwas Besonderes. Der Griff war aus einer Rehpfote gemacht.

Nach ungefähr einer Woche fiel meiner Mutter auf, dass ich mich dauernd am Kopf kratzte. Beim Kopf waschen sah sie, dass ich vollkommen verlaust war. Am Abend kämmte sie mit einem Staubkamm meine Haare über einem weißen Handtuch aus. Da sah man erst wie es vor lauter Läusen wimmelte. Nach der Schule setzte sich Großmutter auf einen Schemel (Sessel ohne Lehne) vor das Haus und ich legte meinen Kopf auf ihre Knie. Dann zerdrückte sie Laus um Laus, jede die sie erwischte mit ihren Fingernägeln. Wenn ich daran denke höre ich heute noch das Knacken. Zuerst wurden meine Haare mit Essig eingerieben und weil das nicht viel nützte nahm Großmutter dann auch noch Petroleum zur Behandlung. Am nächsten Tag mußte ich mit einem Turban in die Schule gehen, weil das Petroleum 24 Stunden am Kopf einwirken musste. Meine Mutter untersuchte darauf täglich meine Haare. Gott sei Dank bin ich die "Laustragödie" wieder los geworden"

Behandlung gegen Läuse im Mittelalter

Kopflaus Wikipedia Foto: Gilles San Martin

Läusekamm
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Freitag, 3. März 2017

Zwei Frauen, keine halben Sachen

Diesen Artikel, aus der Serie "Hinterstoder Freiwillig" der Journalistin Marlis Stubenvoll hat Julia Körber von der Gemeinde Hinterstoder zur Verfügung gestellt.

Marlis Stubenvoll ist Journalistin und studiert nach Studienaufenthalten in Finnland und Dänemark zur Zeit im Master "Journalism, Media and Globalisation" in Amsterdam. In den Ferien zieht es sie immer wieder in ihren Heimatort Hinterstoder. Die Artikelserie  "Hinterstoder Freiwillig" aus der dieser Artikel stammt entstand 2016 und wurde finanziert aus den Mitteln des Zukunftentwicklungs - Prozesses Agenda 21 des Landes Oberösterreich. 


Zwei Frauen, keine halben Sachen
  
Nicht immer ist Geld der Lohn der Arbeit. Paula Lang und Ilse Fruhmann wissen das als Haudegen des Ehrenamts nur zu gut.

In Fruhmanns Fall blühen die Früchte ihrer Mühen in der Kneippanlage – der kalte Wasserstrom und der Kräutergarten entspringen ihrer Initiative für einen gesünderen Ort.  Der Platz zur Kaltwasserkur nach dem alten Rezept des Pfarrers Sebastian Kneipp schöpft aus ihren Ideen und Handgriffen im Garten.

Paula Langs unermüdlicher Einsatz passiert verdeckter. In Lagerräumen sortiert sie einen riesigen Fundus an Flohmarktware. Daneben leistet sie mit Besuchsdiensten im Ort, im Krankenhaus oder im Altenheim jenen Gesellschaft, die nur selten ein bekanntes Gesicht sehen. Nur Ende Juli kommt beim Sozial-Flohmarkt wortwörtlich die ganze Ladung ihrer Arbeit zum Vorschein.

Es ist drei Uhr nachmittags und wir sitzen auf hölzernen Bänken am Kneipp-Platz. Über das Rauschen der Steyr hinweg unterhalten sich die beiden Stoderinnen mit mir. Sie erzählen, was sie zu einer Arbeit bewegt, die in Stunden kaum messbar ist.

Danke, dass Ihr euch Zeit genommen habt. Bevor ihr selbst über eure Arbeit sprecht, habe ich noch eine andere Frage an euch. Wie würdet ihr den Einsatz der jeweils Anderen im Ort beschreiben?

Paula: Ilse verbringt ihre Zeit hier am Kneipp-Platz. Das sieht man auch. Sie managt das alles. Dabei ist es schwierig Leute zu finden, die sich ein ganzes Jahr um solche freiwillige Arbeiten annehmen. Das ist bei mir und bei ihr wahrscheinlich dasselbe.

Ilse: Kein Mensch kann abschätzen, wieviel Arbeit sich Paula antut. Sie ist für alle da, sie hört sich alles an, sie sammelt leidenschaftlich für den Flohmarkt. Mittlerweile gibt es ein Team von Leuten, von dem Paula auch einmal ein “Schluss, stopp, genug” hört. Am liebsten würde sie 36 Stunden am Tag arbeiten.

Paula: Das hat sich aber schon sehr gebessert.

Ilse: Ja, Gott sei Dank!

Ilse, welche Arbeiten erledigst du, damit es den Kneipp-Platz in seiner jetzigen Form geben kann?

Denken, arbeiten, arbeiten, nachdenken. Wenn mir die Farbkombinationen der Blumen nicht passen, grabe ich sie wieder um. Am Ende soll sich alles harmonisch zusammenfügen zu einem Ort, an dem sich Leute wohlfühlen.

Du hast mittlerweile Unterstützung von den Asylwerbern im Ort. Auch die scheinen sehr gerne hier Zeit zu verbringen.

Ilse: Ich habe das Gefühl, dass die Flüchtlinge sehr gerne herkommen. Sie sind schon ein Teil des Kneipp-Parks. Keiner ist in den Platz so integriert, wie sie.

Paula: Hier haben sie Gemeinschaft und jemanden zum Reden.

Ilse: Für die ist das selbstverständlich, dass sie ihre Arbeit mit Liebe machen. Das spürt man. Da kommt viel wieder zurück. Ich bin stolz, dass das so klappt.

Was ist eure Motivation, euch bei euren Projekten ehrenamtlich zu engagieren?

Ilse: Vom Bürgermeister ging vor einigen Jahren der Wunsch aus, mehr für die Gesundheit im Ort anzubieten. Ich habe damals gesagt, dass für mich nur dieser Platz hier an der Steyr als Kneipp-Platz infrage kommt. Nach einigen Gesprächen mit dem Eigentümer bekam ich dann das „Okay“. So habe ich angefangen. Und ich mache keine halben Sachen. Fertig.

Paula: Ich habe meine Arbeit durch Krankheit verloren. In Hinterstoder habe ich mich dann aber gesundheitlich wieder erholt. Ich fand, ich war noch zu jung zum Nichtstun. Heute motiviert mich die Freude der Leute, die ich besuche. Immer wieder höre ich ein “Du könntest ruhig öfter vorbeischauen“. Das gibt Kraft um weiterzumachen, solange man kann. Ich halte es einfach für richtig.

Ilse: Wenn ich hier das Gästebuch ansehe, dann finde ich es berührend, wie wohl sich die Leute hier fühlen. Dann denke ich mir, ich mache doch etwas richtig. Denn gerade in unserer schnelllebigen Zeit gibt es wenig, das uns herunterholt. Manche hasten auch hier am Kneipp-Platz vorbei. Aber dann beobachte ich wieder Leute, die stehen bleiben, sich Zeit nehmen, schauen. Gerade Familien mit Kindern nehmen den Platz sehr gut an.

Wie schafft ihr es, euch nicht zu sehr von euren Projekten vereinnahmen zu lassen?

Paula: Mittlerweile suche ich mir beim  Flohmarkt Helfer, mit denen ich gemeinsam sortiere. Dann habe ich auch nicht alleine die Schuld, wenn ich zuviel aufhebe (lacht).
Seit einiger Zeit gebe ich mehr Arbeit ab, stimmt’s?

Ilse: Naja... du versuchst es!

Paula: Ja, ich versuche es. Aber das hier ist mein Heimatort, und wenn man etwas tun kann, warum nicht? Außerdem wird so viel weggeschmissen, es ist doch schade darum.

Ilse: Und du brauchst das. Du bist einfach Flohmarkt. Aber du wirst in nächster Zeit lernen, auch einmal auf Urlaub zu fahren.

Paula nickt einsichtig.

Ilse, wie geht es dir mit dem Nein-Sagen?

Ilse: (ihre Hände machen eine auslandende Bewegung) Wie soll ich zu dem hier Nein sagen? Aber ich bin mein eigener Chef. Ich tue was ich will und wann ich will. Wenn es mich einmal nicht freut – na dann freut es mich eben einmal nicht. Ganz einfach.

Welche kleinen Gesten könnte jeder von uns zur Gewohnheit machen, um uns das Zusammenleben hier im Ort schöner zu gestalten?

Ilse: „Was trage ich dazu bei“, das ist mein Leitsatz. Ich bin sehr kritisch mit Menschen, die nur dann helfen, wenn sie auch dabei gesehen werden. Wenn jemand einen Ast wegzwickt, der in einen Wanderweg hineinragt oder etwas repariert, das kaputt gegangen ist – das wäre es. Mehr brauchen wir nicht.

Paula: Es sind in den letzten Jahren viele Angebote im Ort dazugekommen. Zwei Gemeindearbeiter allein können das einfach nicht mehr alles in Schuss halten. Wenn jeder ein bisschen etwas beitragen würde, wäre es leichter.

Was macht ihr heute noch, wenn ihr heimgeht?

Paula: Ich muss noch Kleidung für den Flohmarkt sortieren und ein Paar Schuhe bei den Asylwerbern abliefern. Aber ich kann mir eigentlich alles einteilen.

Ilse: Nichts mehr. Jetzt gehe ich heim und mache es mir gemütlich. Vielleicht gieße ich noch den Garten. Es sei denn, mein Mann hat das schon gemacht.

Vielen Dank für das Gespräch.


Paula Lang (links) und Ilse Fruhmann (recht) engagieren sich
 für ein gesundes und soziales Hinterstoder.

Kneippanlage



Flohmarkt in der Hösshalle

Kräuterschulung in der Kneippanlage

Kneippanlage

Fleißige Asylwerber aus Afghanistan helfen bei der Arbeit.
Razia Sharifi und Fatima Haidari 

Sonntag, 26. Februar 2017

Freitag, 24. Februar 2017

Vom Schicksal des kleinen Michl

Es war im Stodertal vor rund 100 Jahren. Heute noch kennen manche alten Leute diese Geschichte.
Beim großen "Grabenbauer" (Name geändert) arbeitete neben anderen Knechten und Mägden auch eine junge, geistig etwas zurückgebliebene "Dirn" (Magd). Sie nannten sie die "Grabenbauer Lies" (Name geändert). Sie hatte einen Buckl (gekrümmtes Rückgrat), trug immer nur geschenkte, alte viel zu große Kleider. Die Lies  hatte bestimmt keine erbliche Geistesschwäche. Vielmehr lag es an der Erziehung und der mieserablen Ernährung  von Klein auf. Sie wurde schon als kleines Kind von Bauern ausgeschunden und bekam nie ein kindgerechtes Essen und Pflege.
Heute kann man sich kaum mehr vorstellen wie manche Kinder auf Bauernhöfen behandelt wurden. Der "Zuzl" (Schnuller) wurde in Schnaps und Zucker getaucht und den Kleinkindern in den Mund gesteckt, so dass sie ruhig waren und lange schliefen. Damit sie nichts anstellen konnten und die Eltern Ruhe bei der Arbeit hatten wurden sie oft in einen großen, alten Bottich gesetzt aus dem sie nicht alleine herausklettern konnten. Gelegentlich bekamen sie etwas zu essen und zu trinken. Oft mussten sie den ganzen Tag in so einem "Gefängnis" ausharren.
Die Lies hatte schon mehrere uneheliche Kinder. Manche Knechte und Burschen nahmen sie einfach, weil sie sich nicht wehren konnte und sie gerade ein Bedürfnis verspürten. Ihre Kinder kamen alle verstreut zu verschiedenen Bauern. Sie wusste nicht einmal wo ihre Kinder hingekommen sind. Man könnte fast sagen, dass das wie bei einer Katze war, der man die Jungen weggenommen hat. Wenn kein Vater bekannt war zahlte die Gemeinde 10 Schilling Alimente im Monat. Wer die Väter der Kinder waren wurde früher nie eruiert. Die Kinder, von denen der Vater unbekannt war, fielen der Heimatgemeinde zur Last.
Im Dorf wurde hinter vorgehaltener Hand gemunkelt, dass auch ein Kind vom Bauern selbst dabei war und zwar der "Michl" (Name geändert). Michael wurde er genannt weil er zu Michaeli geboren wurde.
Eines Morgens hat sich beim Grabenbauer folgendes zugetragen. Die Schweinemagd hat in der Früh wie immer den Schweinestall gereinigt. Dazu musste sie auch frisches Stroh holen. Sie hörte unter dem Stroh ein Wimmern und glaubte zunächst eine Katze hätte Junge geworfen. An diesem Tag war es ziemlich kalt und deshalb wollte sie die jungen Kätzchen in den warmen Stall bringen. Unter einem Strohballen fand sie statt der jungen Kätzchen ein neugeborenes Kind mit einer abgerissenen Nabelschnur. Sie holte sofort die Bäuerin, die gleich sagte: "das kann nur die Lies gewesen sein". Niemand hatte die Schwangerschaft bei der Lies bemerkt, denn sie trug immer nur alte, viel zu große Kleider. Die Bäuerin und die Magd suchten sofort nach der Lies. Sie fanden sie draußen auf dem Erdäpfelacker (Kartoffelacker) bei der Arbeit. Auf dem Acker fanden sie auch Blutspuren, wo die Nachgeburt abging. Die Bäuerin nahm die Lies sofort mit und legte sie in das Bett. Kindswäsche hatte man nicht und so wickelte man das Kind in alte Hemden und legte es in der Stube auf einen Polster. Die Bäuerin war zwar nicht erfreut über das Kind, doch sie hatte Erbarmen mit dem armen "Hascherl" (hilflosem Baby).  Das Kind bekam ein "Mehlkoch", das war geröstetes Mehl  in Milch eingekocht. Das gab man früher den Kindern statt Muttermilch.

Je älter der Michl wurde, desto mehr sah er dem Bauer ähnlich. Die Lies sagte nie wer der Vater zu ihrem Kind war. Der Bauer hat ihr auch gedroht und sie geschlagen wenn sie nicht schnell genug bei der Arbeit war. Sie hatte ungeheure Angst vor ihm und sie hätte bestimmt nie etwas gesagt. Die Bäuerin aber musste etwas gewusst haben, denn sie hat den Michl großgezogen. Michael ist zu einem stattlichen, feschen Mann herangewachsen und blieb als angenommener Sohn beim Grabenbauer.