Freitag, 18. Februar 2022

Ein Kistchen Zigarren

In der Oberdonau-Zeitung vom 7.4.1945 berichtete Josef Robert Harrer über den berühmten Münchner Maler Franz Carl Spitzweg (geb. 1808, gest. 1885). Der Artikel wurde etwas gekürzt und unserer Zeit angepasst.

Manche seiner kleinen Bilder malte Spitzweg auf die Holzbrettchen zerlegter Zigarrenkistchen. Die Freunde des Münchner Malers wußten davon und brachten ihm oft diese hölzernen Schachteln.

Einmal sagte ein Bekannter, der immer nur leere Kistchen zu bringen pflegte: „Lieber Spitzweg, ich habe ihnen schon etliche Kistchen überlassen. Als Anerkennung könnten Sie mir einmal ein schönes Bild schenken!“ „Gern!"
 erwiderte der Maler. Nur muss ich gestehen, dass mir die Bilder am besten gelingen, wenn ich Kistchen verwende, deren Inhalt ich vorher selbst geraucht habe. Bringen Sie mir also einmal ausnahmsweise keine leere, sondern eine gefüllte Holzschachtel!“. Der Bekannte nickte nicht gerade begeistert; da er aber wusste, dass man weit im Lande die Spitzweg-Bilder schätzte, brachte er einige Tage später ein Kistchen mit Zigarren. Mit Staunen bemerkte Spitzweg, dass der Geizhals eine der besten Zigarrenmarken gewählt hatte. Er nickte anerkennend und sagte: „Diese wunderbaren Zigarren werden schnell geraucht sein, so dass bald das Kistchen leer sein wird! Dann male ich Ihnen ein schönes Bild auf den Deckel!“ Noch am gleichen Abend versuchte Spitzweg eine der herrlichen Zigarren. Schon beim ersten Zug aber musste er feststellen, dass es die schlechteste Zigarre war, die er je angezündet hatte. Der Geizhals hatte einfach die billigsten Zigarren ins Kistchen gepackt. Spitzweg warf die Zigarren fort und malte sofort auf den Deckel eine große Null. Dann schrieb er auf einen Zettel:

„Zu diesem herrlichen Gemälde haben mich Ihre wunderbaren Zigarren inspiriert! Freuen Sie sich ehrlich an diesem Bild, das ich Ihnen schenke! “Beides schickte er am nächsten Tag dem Bekannten.

Carl Spitzweg





Carl Spitzweg, Selbstportrait

Freitag, 11. Februar 2022

Der ominöse Kanon

In der Oberdonau-Zeitung am 10.2.1945 berichtete Alfred Semerau von einem  Kanon (Lied, bei dem in einem bestimmten Abstand zwei oder mehrere Stimmen nacheinander mit der Melodie einsetzen) den ein Dorfkantor (Vorsänger) bei einem Kirchweihfest zur Aufführung bringen wollte.
Der Artikel wurde etwas gekürzt und unserer Zeit angepasst.

Ein Dorfkantor wollte einmal das Kirchweihfest durch die Aufführung einer neuen,
 großen Kirchenmusik besonders prächtig gestalten und wandte sich deshalb an Johann Sebastian Bach (geb. 1685, gest. 1750 Komponist, Violinist, Hofkonzertmeister, Orgel- und Cembalovirtuose) mit der Bitte, ihm eine solche Musik zu schreiben, die er dann mit seinen Kollegen aus der näheren Umgebung aufführen wollte. Bach aber, der die armseligen musikalischen Kenntnisse dieser Dorfkantoren nur zu gut kannte, lehnte unter verschiedenen Vorwänden ab. Als aber der gute Kantor mit Bitten nicht abließ und immer dringlicher wurde, fragte er ihn endlich halb unwillig, halb belustigt, welchen Text man denn gewählt habe.

„O, den belieben Sie selbst zu wählen“, versetzte der Kantor mit einer tiefen Verbeugung, „einen Bibelspruch, oder was Sie sonst passend finden mögen.“ Bach versprach nun, die Bitte zu erfüllen und trug dem Kantor auf, alles zur Probe vorzubereiten, zu der er dann selbst sich mit einigen Bekannten einfinden werde. Hocherfreut und mit vielem Dank und Lob verabschiedete sich der Kantor.

Am Morgen des Kirchweihtages fand sich Bach zur Probe in der Dorfkirche ein und sogleich wurden die einzelnen Stimmen der Musik verteilt, die Bach als Kanon mit dem Text „Wir können nichts wider den Herrn reden" gesetzt hatte. Als die Kantoren ihre Plätze eingenommen hatten, begannen sie sogleich frisch vom Blatt zu singen und aus allen Kehlen erscholl es um die Wette in Misstönen und wie Jammergeschrei: „Wir— wir— wir können nichts— nichts— wieder nichts— wir können nichts — wir können wieder nichts...“, bis die Sänger, durch Bach und seiner Begleiter lautes Gelächter aufmerksam gemacht, erkannten, was sie soeben mit viel Eifer in die Welt geschrieen hatten und nun verdutzt und zerknischt wie begossene Pudel dastanden.
„Das macht sich freilich nicht gut, meinte Bach, „aber wir wollen sehen, wie wir das ändern
können.“ Er zog ein anderes kleines Musikstück aus seiner Tasche, das er nun selbst mit seinen Begleitern aufzuführen begann. Und so bekam das Kirchweihfest doch noch, zur großen Freude des Kantors, seinen besonderen festlichen Glanz.

Johann Sebastian Bach 

Bachdenkmal in Leipzig
 



Freitag, 4. Februar 2022

Die Habsburger in kaiserlichen Anekdoten

Die Dynastie der Habsburger regierte einst Österreich, Teile Europas und Kolonien in Übersee.
Im "Deutschen Volksblatt" vom 4. November 1906 berichtet Dr. Franz Schnürer über Anekdoten aus dem Hause Habsburg. Der Artikel wurde etwas gekürzt und unserer Zeit angepasst.




Diese Habsburger-Anekdoten erzählen "von einem großen, gewaltigen Geschlecht", sagt der Herausgeber im Vorwort, „das fast ein halbes Jahrtausend lang die Geschicke der halben Welt in Händen hielt“, ein Geschlecht, „in dessen Reich die Sonne nicht unterging". Es sind unterschiedliche Männer. einige wie aus Eisen und auch schlichte, nachgiebige Naturen darunter. Einiges ist bekannt  und auch vieles, dass in weiteren Kreisen noch unbekannt ist.

Rudolf von Habsburg (geb.1218, gest.1291)

Von Rudolf von Habsburg wird folgendes erzählt, das recht merkwürdig an die originelle Rechtsprechung des Kalifen Harun al Raschid erinnert.
Ein Kaufmann klagte dem Kaiser, dass sein Hauswirt einen ihm anvertrauten wohl
 gefüllten Geldbeutel nicht zurückgeben wolle. Rudolf ließ sich den Beutel genau beschreiben, befahl dem Kaufmann im Nebenzimmer zu warten und schickte nach dem Hauswirt. Mit diesem begann er dann ein harmloses Gespräch, in dessen Verlauf er äußerte, der Hut des Mannes gefalle ihm so. dass er ihn besitzen möchte. Der geschmeichelte Wirt überreichte den Hut diensteifrig dem Kaiser, der ihn heimlich durch einen Diener der Hauswirtin bringen lässt mit dem im Namen ihres Mannes ausgerichteten Auftrag, dagegen den bewussten Beutel auszuliefern. Die Frau, die den Hut erkennt und daher keinen Argwohn schöpft, übergibt den Beutel dem Boten, der ihn zum Kaiser bringt. Nun sagte Rudolf dem Wirt ins Gesicht, dass er den Kaufmann bestohlen habe und als der Mann zu leugnen versuchte, zeigte er ihm den Geldbeutel vor. Der Dieb erblasste und gestand zitternd seine Schuld ein und dafür bekam er von Rudolf eine gerechte Strafe. 

Kaiser Maximilian I (geb.1449, gest.1291)

Von Kaiser Maximilian I., dem letzten Ritter, wird erzählt: Maximilian pflegte, wenn er die Hände wusch, einem der umstehenden Höflinge seine Ringe zu halten zu geben. Einer der Diener, den der Kaiser schön öfters damit betraut hatte, brachte es fertig, ihm einige der Ringe nicht mehr zurückzugeben. Als Maximilian das nächste mal die Hände wusch, drängte sich der Dieb wieder heran, um ihm die Schmucksachen abzunehmen, doch da sagte dieser: „Du hast mir die Ringe vom vorigen mal noch nicht zurückgebracht, so werde ich's nicht mehr mit dir versuchen. Aber sei guten Mut's; es kommt bald viel Gold und Edelgestein aus Indien wo sie sehr wohlfeil sind und dann lassen wir neue Ringe machen, damit du wieder was zu nehmen hast."
Eine andere Geschichte von demselben Kaiser.
Es ist bekannt, dass er in Regensburg sogar der Gattung von Frauen, die damals „Die Fahrenden" hießen, sich gnädig zeigte. Während der Reichsversammlung hatte der Magistrat nämlich diese Frauen aus den Stadtmauern verwiesen; sie empfingen den Kaiser als er zum Tore einschritt und klagten ihm ihr Leid. Da befahl er lächelnd der zunächst stehenden, den Schweif seines Pferdes zu fassen, der Zweiten gebot er, den Rock der Ersten zu ergreifen und so fort. Auf diese Art schmuggelte er die verbannten „fahrenden Frauen" am kaiserlichen Pferdeschwanz wieder in Regensburg ein.

Kaiser Karl V (geb.1500, gest.1558)

Das man fürstlichen Personen auch schon in früheren Zeiten fürstliche Gasthausrechnungen präsentierte, verbürgt ein Ereignis aus dem Leben Kaiser Karls V. Auf einer Reise durch Piemont speiste Kaiser Karl mir großem Appetit einen ihm servierten Kapaun. Nach der Mahlzeit erkundigte er sich, wieviel der Vogel gekostet hatte. Als man ihm antwortete: „Sechs Pfund", meinte er: .Hätte ich das gewusst, so hätte er mir nicht so gut geschmeckt."

Von Kaiser Ferdinand l., der sich besonders durch seine Treue auszeichnete, weiss die Geschichtsanekdote zu melden:

Kaiser Ferdinand I (geb.1503, gest.1564)

Der zweite Sohn Kaiser Ferdinand I, Erzherzog Ferdinand von Tirol, hatte gegen den Willen des Vaters eine heimliche Ehe mit der wunderschönen Augsburger Patrizierstochter Philippine Welser geschlossen. Nachdem der Kaiser dem Sohn zwölf Jahre lang wegen dieser Heirat gezürnt, vermittelte Philippine selbst die Versöhnung. Sie kam 1561 unerkannt nach Prag an den Hof des Kaisers, warf sich Ferdinand zu Füßen und klagte ihm das Leid, dass der strenge Vater ihres Gemahls ihr zufüge. Der gerührte Kaiser hob sie auf und versprach ihr, bei diesem harten Vater zu vermitteln, dass er seine liebreizende Schwiegertochter nicht verstoße. Da gab sich Philippine zu erkennen und der überlistete Kaiser erkannte die Ehe als eine morganatische (ebenbürtige) an.

Kaiser Leopold I (geb.1640, gest.1705)

Kaiser Leopold I. liebte nicht nur Musik zu hören, sondern trieb sie auch selbst. Er spielte die Flöte und komponierte. Sein Kapellmeister machte ihm einst über das überraschend große Talent das sonderbare Kompliment: „Wie schade ist es, dass Eure Majestät kein Musikus geworden sind!". Der Kaiser antwortete gemütlich : „Tut nichts, haben's halt so besser!" 

Kaiser Karl VI geb.1685, gest.1740

Ein ähnliches Stück wird von Kaiser Karl VI. erzählt. Karl tat einst einen Meisterschuss auf einen Hirschen. Sein Begleiter, Graf Trautson, ein wegen seines stechenden Witzes und seiner Grobheit im ganzen Reiche bekannter Günstling Karls, sagte darauf: „Dös is a Schuss! Wär' gescheiter, Euer Majestät wären a Jager geworden“. Darauf erwiderte Karl lachend: „Nu, wir, haben so a z'leben“! (wir können so auch leben).

Maria Theresia (geb. 1717, gest. 1780)

Zahlreich sind die Erzählungen aus dem Leben der Kaiserin Maria Theresia und .Kaiser Josefs II. Nach dem Tode ihres Gemahls war Maria Theresia lange nicht im Theater erschienen. Als am 12. Februar 1768 ihrem zweiten Sohn, dem nachmaligen Kaiser Leopold II., der erste Sohn geboren war, erhielt die .Kaiserin diese Nachricht am Abend, als sie in ihrem Kabinett arbeitete. Sofort stürzte sie im Nachtkleid durch die Vorzimmer und Gänge ins Burgtheater und rief hier, sich weit über die Logenbrüstung beugend, ins Parterre hinab: „Der Poldel hat an Buab'n und g'rad zum "Bindband" -  auf meinen Hochzeitstag -, der ist galant!" Parterre und Logen waren wie elektrisiert.
Als Maria Theresia sich zum erstenmal nach dem Tode ihres heißgeliebten Gemahls ihrem Hofstaat zeigte, sah sie die Fürstin Auersperg, die letzte Favoritin Franz I., (der Liason ihres Gatten) in Tränen gebadet, in schwarze Schleier gehüllt, von allen gemieden, die ihr bis dahin gehuldigt hatten, allein beiseite stehen. Maria Theresia ging schnell auf die Unglückliche zu, gab ihr die Hand und sprach laut: „Wir haben wahrlich viel verloren, meine Liebe!" Dann erst sprach sie mit den anderen Damen und Herren, die sich nun emsig wieder um die eben Gemiedene drängten.

Kaiser Joseph II

Kaiser Josef II., der Volkskaiser, hörte einmal beim Exerzieren eines Dragonerregimentes, wie ein Offizier einen Soldaten grob anfuhr. „Herr, Sie vergessen sich!" rief der Kaiser, „dieser Soldat hier ist ebenso gut ein Mensch wie Sie. Er ist Ihr Bruder, wie er der meinige ist, Ich will nicht haben, dass man diejenigen meiner Untertanen, die sich dem Dienste des Vaterlandes widmen, übel behandelt!"
Zwei Frauen, von denen die eine einen auffallenden Kopfputz hatte, überreichten Kaiser Josef II. Bittschriften. Er genehmigte das Gesuch der einen, sagte aber zur anderen: „Sie müssen sich an Ihren Monarchen, den Sultan wenden, ich sehe ja aus Ihrem Kopfputz, dass Sie eine Türkin sind."
Während seiner Reise nach Paris kam Josef früher als sein Gefolge in Rheims an und stieg in dem vorher bestellten Gasthaus ab. Der neugierige Wirt folgte ihm auf sein Zimmer, sah ihm beim Toilette machen und Rasieren zu und fragte ihn, was für ein Amt er beim österreichischen Kaiser bekleide. „Ich rasiere ihn bisweilen," war Josefs Antwort. Tatsache ist, dass Kaiser Josef sich Zeit seines Lebens selbst rasierte, erst bei seiner letzten Krankheit ließ er einen Rasierer kommen. Indem er ihm drei Souverain d'or zahlte, sagte er: „Er ist der erste, der mir ins Gesicht greift."

Als Kaiser Josef beim Entstehen der nordamerikanischen Unruhen um seine Meinung darüber befragt wurde, gab er zur Antwort: „Die Leute mögen in ihrer Lage nicht eben unrecht haben, allein mein Metier erfordert, königlich gesinnt zu sein."

Einst erschienen bei Kaiser Josef gleichzeitig drei Bewerber um eine freigewordene Stelle. Der Kaiser fragte sie nach ihren Verdiensten. „Ich bin von Adel", sprach der erste, „und habe meinen adeligen Sitz durch zwanzig Jahre innegehabt, bin aber durch die Kriegsunruhen vertrieben worden." Der zweite sagte: „Ich bin Soldat und bin viele Jahre in den Niederlanden gelegen." Der dritte erzählte „Ich bin Lehrer und habe vierundzwanzig Jahre der Schule zu N. vorgestanden." Josef antwortete: „Da der Edelmann so lange gesessen, der Soldat so lange gelegen, der Schulmeister aber vierundzwanzig Jahre gestanden ist, so gebe ich dem letzteren die Stelle."

Kaiser Franz I (geb.1708, gest.1765)

Kaiser Franz I. unterwarf sich gemäß seinem Wahlspruch: „ Gerechtigkeit ist die Grundlage der Herrschaften“. Er wich jedem Bürger seiner Residenz auf der Straße aus, fuhr bei den Spazierfahrten im Prater streng in der Wagenreihe und verlor sogar öfters Prozesse gegen seine Untertanen. Das musste ihn begreiflicherweise beim Volk in den Ruf der Gerechtigkeit bringen. In allen hohen und höchsten Fragen der Politik jedoch ließ Franz l. sich vom strengsten Absolutismus leiten. Sein Ausspruch: „Völker? Was ist das? Ich weiß nichts von Völkern, ich kenne nur Untertanen", ist ebenso historisch geworden wie ein anderer: „Die Menschheit bedarf von Zeit zu Zeit starker Aderlässe, sonst wird ihr Zustand entzündlich und es bricht sogleich der liberale Wahnsinn aus." 

Folgende Geschichte zeugt von seiner absolutistischen Anschauung:
Im Februar 1822 sagte der Leibarzt Baron Stifft zum Kaiser: „Dieser obwohl quälende Husten macht mir gar nicht bange, da ich Eure Majestät so lange kenne. Es geht doch nichts über eine gute Konstitution." „Was reden Sie da?" rief der Kaiser, „wir sind alte, gute Bekannte aber Stifft, dieses Wort lassen Sie mich nicht mehr hören! Eine dauerhafte Natur, sagen Sie, oder in Gottes Namen eine gute Komplexion, aber es gibt gar keine Konstitution. Ich habe keine Konstitution und werde nie eine haben!"

Von der Mildtätigkeit Franz I. legt die nachfolgende Geschichte Zeugnis ab: Der Sekretär legte dem Kaiser eine Bittschrift vor, in der ein Beamter, der nach langem Dienst krank und schwach geworden war, um Unterstützung bat. Der Kaiser ergriff die Feder und fragte: „Wie viel ist denn in solchen Fällen üblich?" „Fünfhundert Gulden wär' für's erste wohl genug", meinte der Sekretär. Der Kaiser nickte und schrieb. Als aber der Sekretär Sand über die Schrift streuen wollte, entdeckte er, dass der Kaiser statt der fünfhundert — fünftausend geschrieben hatte und machte ihn darauf aufmerksam. „Ei, wirklich!" lachte Franz, „ich hab' ein Nullerl zuviel geschrieben! Nun, es schadet nichts; was einmal geschrieben ist, soll stehen bleiben. Der Mann hat fünf Kinder — dem will ich das Nullerl gern schenken!"

Kaiser Franz Joseph I (geb.1830, gest.1916)

Dass sich auch schon um Kaiser Franz Josef I. ein Kranz von Legenden gewoben hat, ist bekannt und begreiflich. Zumal die Leutseligkeit und Herzensgüte des Kaisers  dazu gereicht hat um schönen Stoff zu liefern.
Bekanntlich ist der Kaiser ein großer Kinderfreund und lässt sich die Bewunderung und Verehrung der Jugend herzlich gerne gefallen. Folgende hübsche Episode mag als einzelner Fall Beweis hiefür ablegen.
Eines Tages erschien Kaiser Franz Josef unangemeldet in der Militärakademie zu Wiener-Neustadt und betrat schnell einen der Klassensäle. Nachdem er die Schüler freundlichst begrüßt hatte, sprach er zum Vortragenden Professor, Hauptmann Ebersberg: „Lassen Sie sich in Ihrem Vortrage nicht stören, Herr Hauptmann, dann stellte er seinen Generalshut auf die erste Bank und hörte, an die Bank gelehnt, dem Professor zu. Der Schüler B., vor dem des Kaisers Hut lag, wurde von dem Verlangen erfaßt, sich ein wertes Andenken an diese Stunde zu verschaffen; er streckte vorsichtig die Hand nach dem grünen Federbusch des kaiserlichen Hutes aus und entriss ihm mit raschem Ruck eine Feder. Kaum hatten das einige Kameraden B.'s bemerkt, als sie ihm durch Zeichen zu verstehen gaben, er solle sein kühnes Werk fortsetzen und auch ihnen so kostbare Erinnerungszeichen verschaffen. B. folgte diesen Aufforderungen und riss, immer kecker werdend, eine Feder nach der anderen aus des Kaisers Hut. Doch plötzlich entglitt ihm der Hut, schnellte vor und traf den Arm des Monarchen. Der Kaiser blickte sich um und bemerkte den Uebeltäter, der bleich und zitternd eine Strafe erwartete. Der Monarch fragte nur etwas erstaunt: „Was für Absichten hatten Sie mit dieser Feder, mein Lieber?" Ermutigt durch des Kaisers Freundlichkeit stotterte B.: „Ein Andenken, Majestät!"— „Und genügt Ihnen die eine Feder nicht?" — „Nein, Majestät", kam es jetzt keck von den jugendlichen Lippen, „meine Kameraden verlangten jeder eine." — „Nun, dann bleibt mir nichts übrig, als Ihnen den ganzen Busch zu lassen" sagte der Kaiser mit gütigem Lächeln, indem er mit eigener Hand den Federbusch vom Hut löste und dem glückstrahlenden B. reichte. Dann wendete er sich an den Professor: „Herr Hauptmann, Sie müssen die Güte haben, mir indes Ihre Kappe zu leihen!"
Ein donnerndes Hoch aus all den jungen Kehlen dankte dem Herrscher für seine Huld.

Generalshut


Freitag, 28. Januar 2022

Der preußische Kniff.

Der Preußenkönig Friedrich II oder Friedrich der Große (geb.1712, gest.1786), volkstümlich der „Alte Fritz“ genannt ging gerne unerkannt in Gasthäuser um seinen Untertanen aufs „Maul“ zu schauen. Darüber berichtet in einer heiteren Anekdote im Wiener Tagblatt am 22. August 1936 Otto Andrien. Der Artikel wurde etwas gekürzt und unserer Zeit angepasst.

Dem alten Fritz beliebte es, sich gelegentlich unter sein Volk zu mischen. Er tat dies, wo es ging unerkannt und suchte deshalb am liebsten dunkle Schenken auf, wo es fröhlich und lustig herging und auf den einzelnen nicht so geachtet wurde.

Eines Tages trat er außerhalb Potsdams in ein Wirtshaus ein und traf dort einen Grenadier (Soldat), der unaufhörlich trank. Den Kerl wollte er sich näher ansehen und deshalb setzte er sich an dessen Tisch und hatte sich bald mit ihm angefreundet. Der Grenadier ließ einen neuen Humpen bringen und wollte mit seinem neuen Freund um die Wette trinken. In solchen Dingen war der alte Fritz kein Spaßverderber, nur wollte er auch wissen, wer die Zeche begleichen werde. Das lasse nur meine Sorge sein, sagte der Grenadier und nötigte den König zur Bruderschaft. Als sie eine Weile getrunken hatten, fragte der alte Fritz noch einmal: „Woher hast du das Geld? Der preußische König zahlt doch wenig Sold.“ „Ei freilich,“ lächelte der Soldat, „wenn man auf des Königs Sold angewiesen wäre, könnte man sich nur selten einen guten Schluck vergönnen. Wir Soldaten wissen aber auch anderswo Geld zu kriegen.
Hast du schon einmal vom preußischen Kniff gehört ?“ „Vom preußischen Kniff... ?“ Der König horchte verwundert auf. Er hatte noch nie davon reden gehört. Der Grenadier war darüber belustigt. „Du weißt nicht, was der preußische Kniff ist? Ja was bist du für ein Soldat? Ich will dir die Sache gleich erklären: Der preußische Kniff besteht darin, dass man alles versetzt, was vom preußischen König ist. Beispielsweise: „Wozu brauchen wir Soldaten jetzt mitten im Frieden eine geschliffene Säbelklinge? Ich habe die meine versetzt und mir dafür eine solche aus Holz geschnitzt.“ Dabei zog er den Säbel und hielt dem verdutzten König tatsächlich eine hölzerne Säbelklinge unter die Nase. Der König schaute eine Weile, dann verabschiedete er sich. Dieser preußische Kniff hatte ihn ein wenig hergenommen.
Einige Tage später musste das Regiment, dem der trinkfeste Grenadier angehört hatte, zur Inspektion aufs Truppenfeld. Der alte Fritz tritt mit finsterer Miene die Front ab und hatte bald den Zecher mit der hölzernen Klinge entdeckt. Er ließ nun ihn und seinen Nebenmann vortreten und befahl mit drohender Stimme dem ersteren: „Zieh’ deinen Säbel und schlage deinem Nebenmann den Kopf ab“. Der Grenadier, der nun in seinem König seinen Zechkumpan erkannte, wurde kreidebleich, fasste sich aber dennoch und bat: „Majestät, mein Nebenmann hat mir ja nichts zuleid’ getan, er ist mein bester Freund... .“ Der König wollte aber eine Lehre geben. Er gab deshalb nicht nach und schrie: „Zieh’ den Säbel, sonst befehle ich deinem Nebenmann, dass er dir den Kopf abschlägt“. Da blieb dem Grenadier nichts andres übrig, als zu tun, wie es der König befohlen hatte, er legte seine Hand auf den Griff, schöpfte tief Atem und rief: „Wenn mir der König so etwas befiehlt dann möge Gott meiner Seele gnädig sein und meine Säbelklinge zu Holz werden lassen!“ Damit zog er sein Holzschwert und schlug seinem Kameraden auf die Schulter, dass es in Stücke brach. Die andern Soldaten glaubten, es sei ein Wunder geschehen.
Nur der König wusste, was sich wirklich zugetragen hatte, lächelte und sagte: „Er versteht seinen preußischen Kniff wirklich gut. Da er aber mit seinem Mund nicht minder schlagfertig als mit seiner Faust ist, so sei ihm dieser preußische Kniff verziehen.“
Dann wendete er sein Pferd und befahl, dass man dem Grenadier aus den Heeresbeständen einen neuen Säbel geben möge. Der preußische Kniff wurde fortan aber in der Armee des alten Fritz nie mehr angewandt.

Preußenkönig Friedrich II

Das Schloss Sanssouci (französisch "ohne Sorge")
 wurde von 1745-1747  nach Ideen von König Friedrich II erbaut. 

Das Arbeitszimmer von König  Friedrich II 

Freitag, 21. Januar 2022

Wäsche von Einst

Gemälde von dem berühmten Pariser Maler Edgar Degas 












In der Zeitung „Salzburger Wacht“ vom 4. August 1932 wird unter dem Pseudonym „Phönix“ über Wäsche, genauer Unterwäsche, berichtet, wie sie in den vergangenen Jahrhunderten getragen wurde. Dabei erfährt man ungewöhnliche und lustige Geschichten aus der Vergangenheit.


In den Kleiderbedürfnissen der Menschen von heute spielt die Wäsche eine große Rolle. Wir können uns nicht mehr vorstellen, wie man ohne sie auskommen könnte und bedauern mit Recht einen jeden, den Armut zwingt, in diesem Punkt darben zu müssen. Begreiflich: denn saubere Wäsche in genügender Menge, die das Wechseln ermöglicht und die Haut teils wärmt, teils bedeckt, gehört zu den notwendigsten hygienischen Erfordernissen.
Dem war aber weitaus nicht immer so.
 
Das frühere Mittelalter, eine reinliche Zeit, die Waschen und Baden liebte und übte, kannte trotzdem den regelmäßigen Gebrauch von Wäsche nicht— nur bei den Vornehmsten finden wir z. B. Hemden, dann allerdings kostbar genug. So wird im Tristan-Epos von der schönen Isolde erzählt, wie sie in seidenem Hemde zu Bette ging. Jene Epoche, die der Ritterzeit folgte, also der Ausgang des Mittelalters, und das sechzehnte Jahrhundert, waren schon nicht mehr so auf Sauberkeit bedacht. Allmählich kam auch das Baden mehr und mehr ab; eine missverstandene Moral stemmte sich dagegen, das Auftreten von Infektionskrankheiten, wie die Syphilis, die ja oft genug in Badestuben übertragen worden sein mag, tat das übrige und es dauerte gar nicht lange, so war die europäische Menschheit in eine Gesellschaft von Schmutzfinken verwandelt.

Außen hui— innen pfui! Das konnte besonders das 17. Jahrhundert von sich sagen. Herren und Damen waren luxuriös und „a la mode" gekleidet, doch man hatte nur wenig Wäsche und die war unpraktisch und unzweckmäßig. Vom Waschen hielt man überhaupt nicht viel; um 1647 schreibt ein modischer Autor, man solle sich manchmal baden, täglich das Gesicht und fast so oft die Hände waschen. Es hatte seinen Grund, dass der Verbrauch von Parfüm in jenen Tagen ein enormer war. In einem Brief von 1672 heißt es: „Die französischen Damen halten auf schöne Kleider äußerlich, da doch die Hemdder und der Leib öfters sehr unsauber sind." Höchstens einmal im Monat wechselte man dies innerste Kleidungsstück. Die Art der Wäsche, ihre Anfertigung aus kostbarsten Stoffen, zwang förmlich dazu, sie vor dem Waschen zu bewahren. Maria von Medici, die Königin von Frankreich, besaß Hemden aus rotem Brokat mit Goldspitzen oder aus golddurchwirktem Leinen. Lady Lambert kaufte 1660 sechs Spitzenhemden, Wert 300 Pfund. Das waren Prunk-, keine Gebrauchsstücke. Ähnlich hielt man es mit den Taschentüchern. Ein venezianischer Gesandter bot einmal solch ein spitzenbesetztes Kleinkunstwerk um den Preis von 200 Dukaten dem Großherzog von Toskana an, aber man schneuzte sich in die Finger... Weil die Wäschestücke kostbar waren und man wenig wechselte, brauchte man keinen großen Vorrat davon.
Komisch mutet es uns an, wenn wir die Wäschebestände großer Herren von damals betrachten! Heinrich IV. von Frankreich hatte 12 Hemden und vier Taschentücher, die Mehrzahl davon zerrissen. Karl II. von England, ein luxuriöser Herr, besaß gar nur zwei Taschentücher und drei Hemden und ein zeitgenössischer Schriftsteller berichtet, dass drei Millionen Spanier überhaupt kein Hemd ihr eigen nannten. Die Kunst des Waschens scheint damals nicht in allen Ländern gleichmäßig gut verstanden worden zu sein. Eine Habsburgerin ließ ihre Wäsche nicht in Innsbruck, sondern in Florentiner Nonnenklöstern waschen und die Modeherren und  Damen von Paris schickten ihre paar Stücke nach Holland zur Reinigung. Was man damals in verschwenderischer Fülle besaß und brauchte, das waren Dinge, die mit unserem heutigen Wäschebegriff sehr wenig gemein haben: Halskrausen in allen erdenklichen Größen und Arten, oft wie Mühlsteine und breite Manschetten, alles aus Batist, Leinen und Spitzen. Und das allerwichtigste Stück der Unterkleidung — die Hosen —, wie war es mit der bei den Frauen dieser Jahrhunderte bestellt? Sie existierte nicht— und ihre Nichtexistenz spricht Bände... Gerade das, was Anstand und Gesundheit erfordert hätten, daran mangelte es.
Als es noch Mode war, dass die Damen an Jagdausflügen teilnahmen und selber zu Rosse stiegen, da trug man zu solchen Anlässen Hosen aus grünem Samt oder schwarzer Seide. Aber als mit der steifen und unnatürlichen Kleidung, die der Frau jede Bewegungsfreiheit raubte, Jagen und Reiten für sie fast unmöglich wurde, da verschwanden auch die Hosen. Unter dem weiten und breiten Reifrock waren die Damen ohne Hosen, wie nur je ein Sansculotte...(Die Sansculottes – von französisch sans culotte – ohne Kniebundhose, so wurden in Frankreich des 18. Jhdt. die unteren Bevölkerungsschichten genannt). Und natürlich war es beim niederen Volk nicht anders, nur daß die holländischen Mägde wenigstens zum Fensterputzen Beinkleider anlegten! Die Tänzerinnen mussten natürlich Hosen tragen, aber es war ihnen strengstens verboten, solche bei ihren Sprüngen und Drehungen etwa sehen zu lassen. Darüber erzählt Casanova, folgende komische Anekdote:
Die berühmte Ballerina Nina hatte einst auf der Bühne von Madrid im Eifer des Tanzes das Verbot überschritten und war so hoch gesprungen, dass man ihre Hose erblicken konnte. Der Gouverneur verurteilte sie zu einer Geldstrafe. Wütend darob, legte sie zur nächsten Vorstellung dieses Kleidungsstück erst gar nicht an — und wieder konnte sich ganz Madrid davon überzeugen. Als sie nun neuerlich vorgeladen und zur Rede gestellt wurde, sagte sie ganz kaltblütig: „Es ist mir nur verboten, meine Hosen zu zeigen und ich glaube, kein Mensch kann behaupten, dass er sie heute abends gesehen hat..."

                        Gemälde von Edgar Degas (geb.1834, gest.1917)





Freitag, 14. Januar 2022

Der Pockenpelz.

Der bekannte Biedermeiermaler mit Künstlernamen Hans Canon (eigentlich Johann Strasiripka geb. 1829, gest. 1885) war Schüler von Ferdinand Georg Waldmüller. Über den Beginn seiner Karriere berichtete der „Niederösterreichische Grenzbote“ vom 29.4.1917. Der Artikel wurde etwas gekürzt und unserer Zeit angepasst.

In Bad Ischl erzählte man sich von dem Wiener Maler Canon, der damals schon ein berühmter Mann war, folgende Anekdote aus der Zeit seiner Kämpfe um Anerkennung und Aufträge.

Eines Tages kam ein Herr und bestellte bei ihm ein Portrait. Der erste Auftrag! Er schuf das Gemälde. Das Bildnis gefiel und der Herr ließ seinen kostbaren Pelz bei dem Künstler, damit Canon den Pelzmantel auf dem Bild ohne seinen Träger fertig malen konnte.

Aber Canon hatte Schulden und etwas später kam der Gerichtsvollzieher und wollte ihn pfänden. Keine Beteuerung, kein Lamentieren half, der Pelz wurde gepfändet. Canon war ratlos. Der Auftraggeber wollte am nächsten Tag wiederkommen und seinen Pelzmantel abholen. Was tun? — Canon schrieb in seiner Verzweiflung mit Kreide an die Tür: „Hier sind die Pocken."
Der Auftraggeber kam, las die Schreckenszeile, eilte entsetzt von dannen, setzte sich zu Hause hin und schrieb dem Maler, er möge um Gotteswillen den Pelz behalten oder verbrennen, er wolle ihn jedenfalls nie mehr zurückhaben, da nichts so leicht Krankheiten übertrage als so ein langhaariger Pelz. Canon war mit diesem Bescheid wohl sehr zufrieden, versicherte dem Herrn, sein Bild sei gut desinfisziert und stellt sich in der Folge andern Kunstfreunden nur noch in dem „Pockenpelz" vor, der ihm danach ein würdiges Auftreten verlieh. Das verhalf ihm zu manchem lukrativen Auftrag und zur Grundlage seines späteren Wohlstands.