Freitag, 17. März 2017

Zu Hause ankommen

Diesen Artikel, aus der Serie "Hinterstoder Freiwillig" der Journalistin Marlis Stubenvoll hat Julia Körber von der Gemeinde Hinterstoder zur Verfügung gestellt.

Marlis Stubenvoll ist Journalistin und studiert nach Studienaufenthalten in Finland und Dänemark zur Zeit im Master "Journalism, Media and Globalisation" in Amsterdam. In den Ferien zieht es sie immer wieder zurück in ihren Heimatort Hinterstoder. Die Artikelserie  "Hinterstoder Freiwillig" aus der dieser Artikel stammt, entstand 2016 und wurde finanziert aus den Mitteln des Zukunftentwicklungs - Prozesses Agenda 21 des Landes Oberösterreich. 

Zu Hause ankommen: Afghanische Flüchtlinge in Hinterstoder: 
Heute steht der Schuh im Mittelpunkt. Die Pensionistin Eveline Velek, der Viertklässler Farzin und seine Mutter Razia Sharifi fahren im Auto die kurvige Straße nach Windischgarsten zu einem Termin beim Orthopädie-Schuhtechniker. Während Eveline lebhaft erzählt, sitzt der Junge aufmerksam am Rücksitz. Er versteht Deutsch, spricht es aber nur im Flüsterton und mit einem schüchternen Lächeln. Aber als das Gespräch auf Hunde fällt, blitzen seine Augen aus dem runden Lausbubengesicht.

„Ihr habt das gute Wetter mitgebracht“, scherzt der Schuhtechniker in der Praxis, bevor er die blauen Einlagen hervorzieht. Tatsächlich ist heute der erste warme Sommertag. Die Region präsentiert sich ganz anders als am 15. Dezember, als Farzin, sein Bruder Fardin und seine Eltern das erste Mal Fuß in ihre Flüchtlingsunterkunft in Hinterstoder setzten. Es war Nacht und die Temperaturanzeige stand auf minus 15°C. Nur in Ballerinas und ohne Strümpfe war seine Mutter angekommen. Die gleichen Schuhe trägt sie auch heute.

Zwölf Flüchtlinge leben momentan in der Unterkunft. Eveline Velek ist ihre Nachbarin, aber sie ist noch viel mehr. Die Hausbesitzer, ihre Freunde, baten sie um den Gefallen hie und da nach dem Haus und seinen neuen Bewohnern zu sehen. „Kümmer dich ein bissl, haben sie gesagt – und aus dem bissl Kümmern ist dann viel Kümmern geworden“, sagt Velek und schickt ein herzliches Lachen nach. Die ehemalige Finanzbeamtin aus Niederösterreich sieht mehrmals die Woche nach dem Rechten, hilft beim Einkauf oder macht wichtige Fahrten. Damit unterstützt sie ehrenamtlich die Arbeit der Caritas.

„Wussten Sie, dass unsere Asylwerber Eveline auch ‚Eveline Mama’ nennen?“, erzählt Ursula Postlmayr von der Caritas, die sich beruflich um die meisten organisatorischen und bürokratischen Belange der Flüchtlinge kümmert. Aber Velek ist nicht allein – zufrieden erwähnt Postlmayr die vielen helfenden Hände in Hinterstoder. Einige Stoderer halten einen Sprachkurs, andere treiben wichtige Gegenstände auf, erledigen Fahrten oder sind einfach da, um die leere Zeit des Wartens zu verkürzen. Manchmal kommt auch eine Nachbarin vorbei und bringt selbstgekochte Marmelade. Heute genügt ein Anruf von Velek an Paula Lang vom Sozialen Hilfsdienst, um passende Schuhe zu den Einlagen zu besorgen.

Das Geben geht aber in beide Richtungen. Wir kommen über die Schotterstraße zurück zum Haus. Eveline zeigt auf die Schlaglöcher, welche die Asylwerber ausgebessert haben. Auch beim Skiweltcup übernahmen sie Aufgaben: Sie verlegten Böden oder sammelten Müll ein. Vieles, das in der Kneipp-Anlage blüht, wird auch von ihren Händen gepflegt. Und bei zwei Festen präsentierten sie schon den Stoderern – nicht ohne Stolz und mit Erfolg – die afghanische Küche auf reich beladenen Tischen.

Nach dem erfolgreichen Ausflug nach Windischgarsten sitzen wir noch in einer Runde zusammen. Wir befinden uns im angenehm kühlen Wohnzimmer. Der Kachelofen bleibt kalt, Schwarztee und Gebäck stehen für uns Gäste am Tisch. Farzins Vater rückt draußen die Tomatenstauden in die Sonne – ein Geschenk von Frau Eveline Mucha, die auch regelmäßig im Haus zu Besuch ist. Eveline Mama plaudert entspannt. An den Wänden kleben Zettel, die Alltagsgegenstände beschriften. Lampe. Kachelofen. Neben einem Lebkuchen-Anhänger: Herz.

Das Haus strahlt eine Wärme aus, die mit den Bewohnern und Nachbarn gleich viel zu tun hat. Wenn es eine Überschrift hätte, wie all die Gegenstände, dann würde hier stehen: Gastfreundschaft.


Eveline Velek hieß vom ersten Tag an die Flüchtlingsfamilien
 in Hinterstoder als neue Nachbarn Willkommen.



Afghanischer Abend bei Monika und Kurt Aufner im Prielergut


Die Köchinnen der wunderbaren Afghanischen Speisen mit Monika Aufner

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen