"Es ist schon einige Jahrzehnte her", fängt der, etwa 85 Jahre alte Mann
im Gastgarten an zu erzählen. "Ich war damals ein junger, fescher Bursch
und hatte ein Mädchen das in einem entlegenen
Bergbauernhof als Magd arbeitete. Sie ist später dann auch meine Frau
geworden. Obwohl es zwei Stunden zu gehen war, besuchte ich sie sobald ich Zeit
hatte. Ich schlich mich zu ihr in die Kammer, blieb die ganze Nacht und rannte in
der Früh den Berg hinunter damit ich nicht zu spät zur Arbeit komme.
Einmal wollten wir einen gemeinsamen Almausflug machen und
ich bin deshalb schon in der Nacht in ihre Kammer geschlichen, damit wir am Morgen, sobald als möglich losgehen konnten. Als es hell wurde und der Tag
zur Arbeit rief, mußte mein Mädchen noch geschwind in den Stall und in die
Küche um anstehende Arbeiten zu erledigen bevor ihre Freizeit anfing.
Ich konnte inzwischen noch in ihrem Bett liegen bleiben und
warten. Bevor sie ging, sagte sie mir noch dass die Großmutter in dieser Kammer
einen Kasten mit ihrem Sonntagsgewand hätte. Es wäre aber sehr unwahrscheinlich, dass sie in die Kammer kommen würde um aus dem Kasten etwas abzuholen. So blieb
ich liegen und träumte vor mich hin bis ich plötzlich ein Geräusch vor der Tür
hörte. Blitzschnell zog ich mir die schwere, mit Gänsefedern gefüllte Tuchent über den Kopf und wagte kaum zu atmen.
Zu der Zeit damals hatte die Moral und Sittlichkeit noch einen anderen Wert als
heute. Die Großmutter kam herein, führte Selbstgespräche, öffnete ihren Kasten
und nahm ihr Sonntagskleid heraus. Dann legte sie das Kleid auf das Bett und streifte
es glatt. Ich lag genau darunter. Bestimmt kann niemand verstehen was ich in diesen
Minuten durchgemacht habe. Die Großmutter redete oder besser murmelte etwas, aber ich verstand kein Wort. Nach einer Weile, die mir wie eine Ewigkeit vorkam, ging sie mit dem Kleid aus dem Zimmer. Ich wischte mir den
Angstschweiß von der Stirne.
Jetzt ist die Großmutter schon lange tot. Es hätte mich sehr
interessiert, aber leider habe ich nie erfahren, ob sie mich unter der Bettdecke
gespürt hat oder nicht. Gesagt hat sie nichts. Wußte sie es nicht oder hat sie
mich nicht verraten?"
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