Freitag, 2. Dezember 2022

100 Jahre alte Anekdoten aus Zeitungen

Im Grazer Tagblatt, im neuen Wiener Tagblatt und Tagblatt konnte man folgende Anekdoten lesen.
Die Artikel wurden etwas gekürzt und unserer Zeit angepasst.

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Franz Liszt (geb.1811, gest.1886)        George Sand (geb.1804, gest.1876)

Grazer Tagblatt 13. August 1899

 George Sand und Franz Liszt        
  Schriftstellerin und Komponist        

Im Jahre 1838, kurz nach der Trennung der unglücklichen Ehe George Sands, kam sie nach Genf, um dort Liszt zu besuchen, der mit seiner Freundin, der Gräfin d'Agoult, in einem Hotel Aufenthalt genommen hatte.
Ihr Reisekostüm musste damals einigen Anstoß erregt haben. Sie trug eine blaue Bluse, Pantalons und ein Paar sehr solide Stiefel. Liszt und die Gräfin waren in Begleitung des Genfer Philologen Adolphe Pictet nach Chamounix abgereist, wohin die Sand ihnen folgte.
Als man sie dort im Gasthaus fragte, zu wem sie wolle, antwortete sie: „Zu einem Herrn mit langen wirren Haaren, zerknülltem Hut und strickähnlicher Halsbinde. Er trällert meist mit angenehmer Stimme vor sich her." Das genügte, der Wirt antwortete: „Der wohnt Nummer 13." Die fremde Dame mit den kotigen Stiefeln und dem auffallenden Äußeren stieg die Treppe empor und wurde von dem Paar jubelnd empfangen. George Sand selbst schildert die Szene später einmal mit folgenden Worten:
„Wir bildeten eine unentwirrbare Gruppe von Umarmungen, während das Stubenmädchen ganz verblüfft war, dass ein schlecht gekleideter Bursche, den sie für einen Rossknecht gehalten hätte, eine so feine Dame wie die Gräfin küsste. Sie ließ vor Bestürzung das Licht fallen, ging hinaus und sagte zu dem übrigen Gesinde, da auf der Nummer 13 sei eine nette Gesellschaft beisammen. Zwei seien gar nicht gekämmt und man wisse nicht, welcher der Mann und welches die Frau sei. Der Koch sagte verächtlichen Tones: „Komödiantenvolk" und seine Ansicht schlug durch. Sie standen fortan nicht mehr hoch in der Achtung.
              
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Giacomo Antonelli (geb.1806, gest.1876) 
Neues Wiener Tagblatt (Tages-Ausgabe) 8. Juli 1877
Besuch bei Staatssekretär Kardinal Antonelli     
Als Graf Arnim, deutscher Botschafter in Rom war, fuhr er eines Tages durch die Romagna und wurde an einer Stelle des Weges durch die Erscheinung eines jungen Hirten lebhaft frappiert, der seine Herde weidend, auf einem Stein hockte.
Das waren ja die leibhaftigen Züge Antonellis, der Bursche war dem Kardinal buchstäblich wie aus den Gesicht geschnitten.
Noch voll des Bildes wurde der Graf einige Tage darauf, durch ein diplomatisches Geschäft, zu dem Kardinal geführt und er konnte sich nicht enthalten, wie das in solchen Situationen unwillkürlich zu geschehen pflegt, mit dem Blicke des Gedächtnisses und des Auges die merkwürdige Ähnlichkeit noch einmal zu überprüfen.
Dem Kardinal entging das nicht. „Warum fixieren Sie mich, Graf? – fragte er „sehe ich heute schlechter aus, wie gewöhnlich?“ Die Ängstlichkeit Antonellis vor Krankheit und Tod war bekannt. Der Besucher trachtete den Kardinal zu beruhigen und das Gespräch nahm seinen Fortgang. Aber schon nach wenigen Minuten unterbrach es Antonelli von Neuem:
„Leugnen Sie es nicht, Graf, es ist gewiss, sie fixieren mich – sagen sie mir also aufrichtig, warum ?“ Mit diplomatischer Umschreibung und sich in schonender Erörterung der unberechenbaren Gesichtszufälligkeiten und Naturspiele ergehend, brachte Graf Arnim die Begegnung mit dem Hirtenjungen und die an demselben gemachte Wahrnehmung vor.
„Wo war die Stelle?“ fragte der Kardinal. Der Diplomat bezeichnete sie ihm. „Und wie alt mag der Junge gewesen sein?“ forschte Antonelli weiter. „Sechzehn oder siebzehn Jahre,“ war die Auskunft. „Nun, dann kann es schon möglich sein,“schloss der Kardinal mit einer Kaltblütigkeit, als wäre von einem selbstverständlichen Verhältnis die Rede, so dass der deutsche Botschafter völlig entsetzt einem Freund die Anekdote erzählte.
Dass ein Kardinal der heiligen römischen Kirche nicht darum schon absolut ein Heiliger sei meinte der Graf - habe er wohl immer schon gewusst, aber dass man in dem Kardinalsbewußtsein so wenig Skrupel gegen das offene Bekenntnis der Nicht-Heiligkeit zu finden vermöge, das habe ihn denn doch ein bisschen stark überrascht.

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Tagblatt 21. September 1922


Eine Anekdote von der Inflation aus dem Jahr 1922.

Vor mehr als lO0 Jahren kam der Viehhändler Daniel Drew, der seine Viehherde nach der Stadt New York trieb, auf den Gedanken, höhere Preise für seine Rinder zu erzielen, indem er unterwegs das Vieh mit gesalzenem Heu fütterte und kurz vor New York zur Tränke führte, worauf die durstigen Tiere sich den Leib mit Wasser anfüllten.
Das so künstlich durch Wasser aufgeblähte Vieh hatte im Augenblick der Abnahme durch den Metzger ein viel höheres Gewicht und so bekam der findige Viehhändler für ein Rind, das ohne Wasser 100 Dollar gekostet hätte, mit Wasser 120 Dollar. Die Inflation des Rindes infolge der Verwässerung hatte also eine künstliche Inflation des Verkaufspreises um 20 Dollar zur Folge. Als der Trick bekannt wurde, nannte man solches durch Wasser aufgeblähtes Vieh „watered stock". Nun bedeutet aber das englische Wort „stock" sowohl Viehstand wie Kapital und deshalb wurde der Ausdruck auch für verwässertes Kapital benutzt. Man sprach also von einer „Aufblähung", wenn das Aktienkapital durch Ausgabe junger Aktien vermehrt wurde, ohne dass man zugleich für Zahlung von Dividenden auf das Neukapital sorgte.
Die selbe Aufblähung oder Inflation nimmt aber ein Staat vor, der unter dem Druck beständiger Geldknappheit Staatspapiere „stocks“ auf den Anleihemarkt bringt und durch das Zinsanerbieten wirkliches Kapital zu erlangen sucht das er dann unproduktiv verwendet. Er bringt also scheinbar schwerwiegendes „Staatsvieh“ in Gestalt der Staatspapiere auf den Markt und betreibt eine „Roßteuscherpolitik“, da die Ware „verwässert“ ist. Diese Kapitalverwässerung, die das Kapital aufbläht, ohne ihm tatsächlich neue Werte zuzuführen nennt man Inflation.

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