Samstag, 9. Mai 2020

Frau Maries Muttertag

In der "Illustrierten Kronen-Zeitung" vom 19.5.1940 wurde die Muttertagsfeier der Familie Prabandl am Muttertag 1940 beschrieben. Vielleicht haben manche Mütter auch schon einmal ähnliche Erlebnisse gehabt.

Meister Anton Prabandl tat einen tiefen Zug aus dem Bierkrug, wischte sich den
Seehundschnurrbart ab, betrachtete einen Augenblick seine zwei Buben Peperl und Hansl, die mit hochroten Köpfen über einer Karl May Indianergeschichte saßen, räusperte sich abgründig und sagte irgendwie triumphierend zur Gattin Marie:

„Morgen ist Muttertag! Ich hab die früheren Jahr' nie so richtig dran' denkt, und das war eigentlich a Schand! Aber heuer werd' ich's nachholen. Heuer sollst an Prima-Muttertag haben!"
Frau Marie nickte ziemlich gleichgültig ihrem Strickstrumpf zu. „Na ja, da bin i neugierig!" sagte sie ins metallische Geklapper der Nadeln und Prabandl lächelte siegreich und murmelte:
„Ich weiß schon was . . .!"
Muttertag !!! Sechs Uhr morgens. Frau Marie will eben aus dem Bett steigen, um den Kampf mit der Hauswirtschaft zu eröffnen, da bemerkt sie voll Staunen, dass Anton schon aufrecht in den Polstern sitzt.
„Was??" stammelt sie verblüfft, „du kräulst  schon in die Höh'? (bist schon auf). Geht deine Uhr net recht oder was .. ."
Weiter kommt sie nicht. Antons Hand drückt die Frau sacht in die Kissen zurück und zugleich vernimmt sie die überraschende Botschaft:
„Liegen bleibst. Alte! Heut´ ist Muttertag!"
„Ja, schon . . stößt Marie hervor, aber ich muss doch . . ."
„Gar nix musst!" ertönt des Gatten Stimme schon etwas schärfer, „stad (ruhig) bist! Heut wirst du dich einmal gründlich ausrasten! Heut is Muttertag, heut darfst du dich nicht plagen!"
Ja, aber das Frühstück..."beginnt Marie abermals und will aus dem Bett, aber Anton zwingt die Frau mit einer einzigen halbkreisförmigen Bewegung aufs Lager zurück.  
„Liegen bleibst, hab ich gesagt!" donnert er, und während die Frau gänzlich verdattert hinsinkt, fährt Anton funkelnden Auges in seine Hose. Dann steht er hoch aufgereckt da und schmettert mit Trompetenstimme: „He, ihr Buabn! Hansl! Peperl! Außer aus'n Bett! Macht´s a Feuer im Herd! Stellts a Wasser zu! Die Mutter darf heut nix arbeiten! Muttertag ist."
Die Buben fahren mit ungeheurem Hallo aus den Federn. „Hurra! Wir dürfen wirklich einheizen und wirklich kochen!!" brüllen sie voller Lust und Unternehmungsgeist, stürmen mit wehenden Nachthemden in die Küche und fangen dortselbst machtvoll zu wirtschaften an.

Frau Maria rutscht unruhig und voll böser Ahnungen im Bett hin und her und als nach fünf Minuten das Klirren zerberstenden Geschirrs an ihr Ohr dringt, zuckt sie zusammen und jammert hell: „Vater im Himmel, hin is was! Ich bitt euch, lasst's die Kocherei stehen! Ich werde schon selbst..."
Zum dritten mal will sie aus dem Bett, und zum dritten mal wird sie von des Gatten Hand unbarmherzig zurück gedrückt. „N i x wirst!", schreit Anton seltsam erzürnt," ausrasten wirst dich! Muttertag ist! Glaubst vielleicht wir bringen ohne dich kein Frühstück zusammen?"
Nun, sie bringen das Frühstück zusammen — aber erst, nachdem noch drei schöne neue Tassen zerschlagen worden sind und die beiden allzu munteren Buben vom Vater je eine Ohrfeige empfangen haben. Anton bringt der Gattin den Tee stolz höchstpersönlich ans Bett. Marie stiert fassungslos den Trank an, der in seiner dampfenden Schwärze an heiße Tinte erinnert, aber sie schlürft gehorsam das Gesöff und versucht sogar ein beglücktes Gesicht zu machen. „Aber jetzt lasst mi außer, gelt?", (lass mich wieder hinaus) drängt sie nach dem letzten, verzweifelten Schluck; „ich muss doch die Wohnung ein bisserl zusammen räumen, net?, Schau, die Betten müssen gemacht werden, abgestaubt muss werden, auskehrt muss werden... lass mich raus!" 
Prabandl macht eine Armbewegung, als wenn er ein Orchester zum Erklingen bringen wolle. „Außer kannst schon", ruft er mit einer Art strengen Lachens; „aber Betten machen? abstauben? zusammen kehren? Nein, meine Liebe, das kannst 364 mal im Jahr machen, aber heute nicht! Heut ist Muttertag! Schämen müsst ich mich samt den zwei Buam (Buben), wann ich dich am heutigen Tag so eine Arbeit machen ließe!" Prabandls Stimme steigert sich ins Helle und Hohe: „Steh auf, zieh dein schönstes Kleid an! Heute darfst einmal du zuschauen, wie wir zusammenräumen!"
Frau Marie erkennt, dass dieser Manneswille wie ein Naturereignis ist. Man kann dagegen vorderhand nichts machen und so steht sie seufzend auf und zieht ergeben ihr schönstes Kleid an. Sie sitzt auf des Bettes Kante und horcht verzagt und maßlos unruhig auf das „Zusammenräum-Getöse", das aus dem Nebenzimmer dringt, wo die Buben unter Antons Befehl werken. Mit der Zeit geht ihr das tatenlose Zuhören müssen auf die Nerven und es kommt so weit, dass sie jedes mal, wenn da nebenan krachend etwas umfällt, einen Weheschrei ausstößt. Und als es einmal einen ganz großen Kracher tut, kann sie es nicht mehr aushalten.
Sie stürmt zur Tür, reißt sie auf und bleibt erschüttert auf der Schwelle stehen.
„Himmlischer Vater!" schreit sie entsetzt, „ihr macht ja aus meiner Wohnung einen Trümmerhaufen! Was fuchtelst du mit dem Staubtuch herum, Peperl? Und du, Hansl, was stocherst du mit dem Besen da oben an der Uhr herum? Aufpassen, sag' ich! Gleich wird . . . o Gott, da ham ma (haben wir) schon den Salat!"
Der Salat fällt in Gestalt der Wanduhr vom gelockerten Haken. Mit grässlichem Geklirr schlägt das Gehäuse auf dem Boden auf. Alle sind erschrocken, die Menschen und die Uhr. Die Menschen stehen schweigend, aber die Uhr beginnt sozusagen panikartig zu schlagen. Dreizehnmal hämmert der Klöppel gegen die klingende Spirale. Frau Marie will dem Buben den Besen entreißen, aber Anton schiebt die laut klagende Frau mitleidslos aus dem Zimmer und wettert! „Was hast du da zu suchen? Raus mit dir. Heut' wirst dich einmal net plagen! War net schlecht, wann das nicht zu erreichen wär. Heut' is Muttertag!
Es nützt alles nichts: Marie muss feiern!
„Ich geh' jetzt schaun, ob ich beim Zuckerbäcker was Gutes für die Mutter krieg!" sagt Prabandl zu den zwei Buben; „passt's mir aber derweil gut auf die Mutter auf, verstanden?! Sie darf heut' auf gar keinen Fall sich runterrackern! Ich mach' euch verantwortlich! Wann ich z`haus komm (heimkomme) und sie arbeitet am End' was, dann könnt's euch g'freu'n!" Er stelzt davon und lässt zwei Buben zurück, von denen freudiger Entschluss förmlich ausstrahlt: „Heut' lassen wir die Mutter nicht einen einzigen Handgriff tun ob sie will oder nicht! Denn heut' ist Muttertag!"
Und Frau Marie hat ihren Muttertag unverkürzt und vollbemessen. Sie bekommt Geschenke und Blumen und Schokolade, die sich die Buben noch von Weihnachten her tapfer aufgespart haben. Es kommen Besuche und es gibt viele Glückwünsche. Es wird gelacht und auch ein ganz kleines bisschen geweint. Es ist so vieles da, was Frau Marie freudig sieht und woran sie auch später gerne denken wird.
Als der Gatte spät in der Nacht schlafen geht, ist Frau Marie gerührt.
„Ich dank' dir auch sehr, Toni", wispert sie beglückt, „es ist sehr schön gewesen. Nur an eins darf ich nicht denken, dass du mich nicht hast arbeiten lassen! Wie möcht' die Wohnung ausschau'n, (wie würde die Wohnung aussehen) wann der Muttertag eine Mutterwochen wär?"
                                                                                        F. J. Michaeler 


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen