Freitag, 1. Mai 2020

Jägerlatein am Totenbett

In dem kleinen Buch "Hinterstoder und seine Berge" aus dem Jahr 1949 von Robert Angerhofer, kann man über das Wildern in Hinterstoder folgendes nachlesen:
"Seinerzeit, als Herzog Philipp von Württemberg im Gebiet von Hinterstoder Landgut erwarb und Jagden pachtete, gab es noch viele Wilderer. Er wurde der Lage dadurch Herr, dass er den schlauesten und wagemutigsten Wildschützen das Angebot machte, in seine Dienste als Jäger zu treten. Herzog Philipp gewann mit diesem Schachzug nicht nur sehr tüchtige Jäger, sondern befreite das Jagdgebiet überdies von der damals schwer zu begegnenden Wilderertätigkeit". 



1869 wird in einer Zeitungen berichtet, verstarb ein alter Jäger, der in früheren Jahren als Wilderer allerlei Erlebnisse gehabt hat, von denen nun eines wohl veröffentlicht werden darf, da ihn seine Gegner nicht mehr dafür zur Rechenschaft ziehen können. Der Verstorbene erzählte die Geschichte noch einige Wochen vor seinem Tod, also zu einer Zeit, wo man nicht mehr an Jagdlügen denkt, es gilt also kein Jägerlatein - oder doch?

Der nunmehr verstorbene Jäger ging damals als Wilderer über einen steilen Steig, um in einem herrschaftlichen Revier eine Gämse zu schießen. Als er Umschau hielt, kam ihm ein Schmuggler schwer beladen entgegen. Die gute Freundschaft, die im Allgemeinen zwischen Wilderern und Schmugglern bestand, war bei diesen Zweien noch speziell durch die persönliche Bekanntschaft bestärkt. Der Wilderer bat nun den Schmuggler, ihm in seinem Geschäft beizustehen und ihm durch Umgehung einer Gebirgskuppe eine Gämse zum Schuss zuzutreiben. Der Schmuggler kam der Bitte nach, legte seinen schweren Rucksack nieder und ging den ausgemachten Weg über die Anhöhe.

Nach halbstündigem Warten bekam der Wilderer richtig eine Gämse, die den Grat erstiegen hatte, zu Gesicht. Die Entfernung war aber so weit, dass der Schütze Abstand nahm, darauf zu schießen. Da aber keine Aussicht war, dass die Gämse ihm oder er ihr näher kommen konnte, so entschloss er sich doch auf gut Glück hinüber zu feuern. Auf den Knall stürzte wirklich die Gämse und der Wilderer beeilte sich, dieselbe in Empfang zu nehmen. Als er aber an Ort und Stelle kam, fand er nicht eine Gämse, sondern drei Gämsen verendet neben einander liegen. Der Wilderer war darüber begreiflicher Weise nicht wenig erstaunt, denn er hatte doch nur eine Gämse gesehen. Bei näherer Untersuchung stellte er nun folgendes fest. Eine Gämse war durch einen tiefen Streifschuss an der Gehirnschale getroffen, der zweiten ging der Schuss durch Löffel (Ohren) und Licht (Auge), der dritten Gämse drang die Kugel durch die Lunge und blieb dort stecken. Als der Schmuggler auf den Ruf des Schützen herbei kam, blieb er erschrocken vor der dreifachen Beute stehen, und konnte selbst durch den Nachweis des glücklichen Zufalls nicht glauben, dass dies mit rechten Dingen zugegangen sei. Reich beladen mit geschmuggelter Ware und erschossener Beute kehrten die beiden zurück.

Es dürfte diesem Wilderer, wie allen scharfen Jägerlateinern ergangen sein; sie glauben am Ende selbst, das wirklich erlebt zu haben, was sie in ihrem Jägerlatein erzählt haben. 


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